13. Dezember


Vorbemerkung: Inzwischen sind der Weihnachtsmann, das (Christ)Kindl und die vier Rentiere fast schon eine Institution im Adventskalender. Natürlich umgeben den Weihnachtsmann keine "profanen" Rentiere, er wird von "Adelshäuptern" begleitet, die sehr menschliche Züge besitzen: der Queen, King Irenäus, Lady Edelgunde und Sir Quirin.


Das Weihnachtsessen

„Herrschaften” rief der Weihnachtsmann nach Abschluss der Bescherung, „Geschafft für dieses Jahr - ging wirklich prächtig!” Er rieb sich vergnügt die Hände. „Und weil alles so gut geklappt hat, gibt es morgen abend ein richtiges Festessen!”
„Kochst du selbst?” fragte die Queen betont neutral.
„Ja, ich koche selbst! ,Mann am Herd - Goldes wert', oder wie das Sprichwort lautet.”
„Hieß das nicht: ,Steht am Herd der Weihnachtsmann - ruf den Pizza-Service an'?” rezitierte Sir Quirin.
„Was ist - wollt ihr, dass ich uns ein Festmahl bereite, oder nicht?”
„Wir wollen!” rief der Chor.
„Na also. Ich hatte an etwas richtig Deftiges gedacht.” Man sah es dem rot-rund-fröhlichen Gesicht des Weihnachtsmanns an, dass er den ersten Bissen bereits im Mund zergehen ließ. „Wie wär's mit Spanferkel und Knödel?”
„So etwas Schweres am Abend - bitte!” sagte die Queen pikiert. „Außerdem esse ich kein Fleisch.”
Das Spanferkel zog sich aus dem Munde des Weihnachtsmanns zurück. „Stimmt, das hatte ich vergessen. Dann etwas anderes.” Denkfalten liefen als kurze Wellen über seine Stirn - dann herrschte wieder Windstille, ein neuer Einfall war geboren. Mit seinen Händen zeichnete der Weihnachtsmann die Konturen eines ordentlich großen Fisches in die Luft: „Fischfondue! Einige leckere, feste Fischsorten, knackiges Gemüse, pikante Saucen dazu, gemütlich, langes Tafeln - herrlich!”
„Auf gar keinen Fall!” rief Lady Edelgunde. „Da muffelt das Wohnzimmer hinterher noch tagelang nach Fisch. Eine Tortur für meine empfindliche Nase. Zudem passt Fisch überhaupt nicht zu meinem neuen Parfum. Ihr müsst unbedingt einmal daran riechen!” Offensichtlich waren alle Versammelten der Meinung, dass ,einmal' auch noch später war, woraufhin Lady Edelgunde ihr Flacon mit einem verächtlichen „Bitte, dann eben nicht!” wieder schloss. „Wegen mir hätte es das Spanferkel ruhig geben dürfen.”
„Wir wollen heute, am Weihnachtsabend, keinen Streit beginnen” sagte der Weihnachtsmann, „Mir ist bereits etwas Neues eingefallen - Tacos. Da kann sich jeder die Maismehlschalen mit dem füllen, was er mag: Grüner Salat, Tomaten, Paprika, Zwiebeln, Hackfleisch, Käse, und, und, und ...”
„... und eine Mordsschweinerei ist es auch” fiel King Irenäus ein. „Ich glaube nicht, dass dies meine Vorstellungen von einem gepflegten Weihnachtsessen trifft. Was ist eure Meinung?”
„Sicher nicht verkehrt - ich denke auch, etwas mit Tafelsilber Essbares wäre angebrachter.” Auch wenn ihm mehr an gutem Essen als an guten Esssitten lag: So direkt als Adelshaupt angesprochen, stimmte Sir Quirin dem King zu.
„An Weihnachten rohe Zwiebeln!” die Queen schüttelte sich, als ob das Wohnzimmer bis unter die Decke mit den Zwiebelgerüchen angefüllt sei.
„Möchte vielleicht jetzt jemand an meinem Parfum riechen?”
„Und wenn ich daran denke, woher wohl das Rindfleisch im Hack kommen mag - ich danke!”
„Ihr könnt mich mal gerne haben!” rief der Weihnachtsmann mit zwar noch rot-rundem, jedoch zornbebendem statt fröhlichem Gesicht. „Ernährt euch doch von Edelgundes Parfum!”
Lady Edelgunde - soviel Etikette muss sein!” rief der Chor.
Der Weihnachtsmann riss die Flurtür auf und warf sie donnernd hinter sich ins Schloss.
„Ja - aber was hat er denn?” tönten verblüfft die Adelshäupter.
Das Christkind sagte nichts. Es verließ samt seiner Wolke leise das Wohnzimmer. Es hatte das Gefühl, dass der Weihnachtsmann seine Gesellschaft brauchte.

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Am nächsten Tag ließen sich sowohl das Christkind, als auch der Weihnachtsmann auffallend lange nicht im Wohnzimmer blicken. Die Adelshäupter, die das schlechte Gewissen plagte, getrauten sich ihrerseits nicht, Nachforschungen anzustellen.
„Er wird doch nicht ernsthaft verstimmt sein?”
„Seine Meinung wird man wohl noch kundtun dürfen!”
„Außerdem war die Kritik sehr maßvoll, wenn nicht sogar konstruktiv. Brrr, wenn ich nur an die rohen Zwiebeln denke!”
„Möchte vielleicht jemand an meinem Parfum riechen?”
Auch wenn sie sich gelassen gaben, die Adelshäupter waren doch sehr beunruhigt. Der Nachmittag war schon fortgeschritten, als die Tür zum Flur aufging, und das Christkind hereinkam, mit einem weißen Damasttischtuch in Händen.
„Ist der Chef noch sauer?” fragte die Queen vorsichtig.
„Sauer? Warum? Er ist bester Laune und zudem bald mit dem Kochen fertig.”
„Was gibt's denn?” Acht Augen schauten hungrig auf das Christkind.
„Wird nicht verraten. Nur noch ein bisschen Geduld, meine Herrschaften. Außerdem schickt sich Neugier nicht für blaublütige Wesen.”
„Wir wollten lediglich höflich sein!” Lady Edelgunde reckte ihre Nase vornehm in die Höhe.
Das Christkind ließ sich zum Kummer der Adelshäupter auch durch weitere Höflichkeiten nicht zu einer Menu-Auskunft erweichen, während es den Tisch mit silbernen Kerzenleuchtern und Tannenreisig schmückte, das Edelporzellan, die Servietten und das schwere Tafelbesteck drapierte.
„Zufrieden?” fragte das Christkind, und sah den King an.
„Wunder-, wunderschön!” sagte der in königlicher Großmut gnädig.
Schließlich streckte ein strahlender Weihnachtsmann seinen Kopf durch die Tür und rief: „Zu Tisch, meine Herrschaften, es wird sogleich aufgetragen!”
Die Adelshäupter setzten sich erwartungsvoll. „Ist ihm also doch noch etwas Festliches eingefallen” raunte King Irenäus Sir Quirin zu, und zeigte in einer ausladenden Geste auf die prächtige Tafel.
Während das Christkind noch die Getränke eingoss, erschien der Weihnachtsmann mit einer großen Schüssel, die er in der Mitte des Festtisches abstellte. „Das wär's!”
„Oh!” sagte Lady Edelgunde und schnupperte. Sie beließ es bei diesem inhaltsreichen Kommentar, denn nicht die dezentestete Duftnote entstieg der geschlossenen Schüssel.
„Alles?” fragte die Queen und schob ihren Teller heran, da es in ihrer Position selbstverständlich war, als erste bedient zu werden.
„Alles!” sagte der Weihnachtsmann, der, mit einem großen Vorlegelöffel in der Hand, am Tischende stand. Er nahm den Deckel der Schüssel ab.
„Enthält alles, was man für eine gesunde Ernährung braucht und ist absolut exotisch!”
Die Adelshäupter blickten auf die weißlich-graue Masse, die sich in der Schüssel, und nach und nach auf ihren Tellern breit machte.
„Wir haben ausführlich in der Küche probiert - abgeschmeckt.” sagte der Weihnachtsmann erklärend, als er die fragenden Blicke der Adelshäupter auf die winzigen Portionen sah, die er auf den Teller des Christkinds und seinen eigenen legte. „So, einen guten Appetit!”
Nach der langen Wartezeit zierten sich die Adelshäupter nicht vornehm, nahmen eine ordentliche Portion auf die Gabel und verstauten die gesunde Exotik in ihren Mündern. Anschließend herrschte lange Stille.
„Schmeckt's?” fragte der Weihnachtsmann.
Drei Häupter nickten, denn sie konnten es einfach nicht schaffen, die störrische Masse aus dem Mund in den Hals zu befördern; sie schien mit ebensovielen Saugnäpfen ausgestattet zu sein, wie ein ausgewachsener Krake. Lediglich der unbändige Appetit des Sirs und sein außerordentliches Schlingvermögen schafften es, den Klops hinterzuwürgen.
„Was ist es?” fragte er mit großen, ungläubigen Augen.
„Etwas ganz besonderes: Tsampa. Wertevoller Hirsebrei, von dem sich etwa die Mönche in Ladakh über Monate hinweg ernähren. Enthält praktisch alles, was der Mensch - ich meine: die Kreatur - benötigt. Dazu fleisch- und geruchlos. Ein echtes, vornehmes Festessen, für das ihr weit laufen könnt, bis ihr es wieder auf einer Tafel findet.”
„Kann ich mir vorstellen” sagte der King, dem es inzwischen ebenfalls gelungen war, seinen Tsampa-Kloß hinunterzuwürgen. „Exzellent. Nach den vorweihnachtlichen Naschereien fühle ich mich nur etwas übersättigt!”
Die Queen schob wortlos dem Christkind ihr Glas zum Nachfüllen hin, und versuchte sehr unvornehm ihren vollen Mund durch Verwässern des wertvollen Speisekloppses in den Normalzustand rückzuführen.
Lady Edelgunde murmelte „Entschuldigt, mein Make Up”, und enteilte mit aufgedunsener Wange ins Badezimmer.
„Möchte noch jemand nachhaben?” fragte der Weihnachtsmann erwartungsfroh.
„Vielen Danke - nein”
„Vorzüglich, doch leider ...!”
„Ein Gaumenschmeichel! Wenn nur meine Gewichtsprobleme nicht wären!”
„Ihr seid wirklich alle schon satt?” Der Weihnachtsmann schaute von einem der stumm bejahenden Adelshäupter zum nächsten.
Auch Lady Edelgunde, der ganz offensichtlich neben der Make Up- auch eine Wangenkorrektur gelungen war, schüttelte tief betrübt abwinkend den Kopf: „Leider.”
„Schade!” sagte der Weihnachtsmann „Dann werden das Christkind und ich uns den zweiten Gang teilen müssen. Wird eine harte Aufgabe.”
„Wird es - aber eine sehr angenehme” sagte das Christkind fröhlich.
Der Weihnachtsmann trug die Schüssel und die Vorspeisenteller ab. „Es ist noch etwas übriggeblieben, aber das können wir morgen weiteressen - Tsampa hat neben den anderen Vorteilen auch die angenehme Seite, lange zu halten.”
Das Christkind war von seiner Wolke gerutscht und hatte den Weihnachtsmann in die Küche begleitet. Nun erschien es mit einer großen Schüssel wunderbar bunten, knackigen Salats wieder, der Weihnachtsmann mit einer ordentlichen Pfanne dampfender Käsespatzen. Er rieb sich vergnügt den Bauch.
„Komm, Kindl, reich mir deinen Teller!” Und mit einem besorgten Blick auf die Rentiere fragte er: „Ich hoffe doch sehr, sie riechen nicht zu stark?”
Die Adelshäupter schüttelten entsagend die Köpfe. Sie konnten die Augen nicht von der lange Fäden ziehenden Spatzenportion nehmen, die der Weihnachtsmann aus der Pfanne löste.
„Käsespatzen mit Zwiebelrostbraten - eines meiner Lieblingsessen!” stöhnte King Irenäus sehnsüchtig-etikettelos.
„Ach, richtig” sagte das Christkind, „Beinahe hätten wir den Zwiebelrostbraten in der Küche vergessen, ich hole ihn noch schnell!”
„Vorzüglich” lobte das Christkind, als es probiert hatte. „Ich glaube, ich kann ewig davon essen! Ausgezeichnet. Wirklich schade, dass ihr schon satt seid!”
„Ich denke, ich sollte wenigstens probieren - von den Spatzen und dem Salat.” sagte die Queen. „Wo du dir soviel Mühe gegeben hast.” Sie schob dem Weihnachtsmann ihren Speiseteller hin.
„Oh, zwing dich nicht” sagte der Weihnachtsmann. Er machte keinerlei Anstalten, die Queen zu bedienen. „Ich habe ja schon ein wunderbares Lob erhalten - das entschädigt reichlich für die Arbeit. Ich könnte es mir nie verzeihen, wenn eines von euch Adelshäuptern unter einem unschönen Völlegefühl leiden müsste!”
„Verdammt!” rief Sir Quirin. „Genug - ich habe einen Riesenhunger. Und ich möchte mich für gestern abend entschuldigen. Das war einfach dämlich von uns!” Er blickte die anderen Adelshäupter an.
„War es! 'tschuldigung!” bestätigten diese, und schoben ungehemmt ihre Teller dem Weihnachtsmann zu.
„Schon vergessen!” strahlte dieser und lud ordentliche Portionen auf die Teller. „Schmeckt gleich ganz anders, wenn alle mitessen! So, den Rest stelle ich im Herd warm!” Er ließ die Flurtür weit offenstehen, damit er alle Kommentare mitbekäme - schließlich war er sehr stolz auf sein Essen.
„Vorzüglich!” - „Einfach herrlich!” - „Köstlich, diese Zwiebeln!”
Der Weihnachtsmann hatte sich kaum wieder ans Essen gemacht, da rief der Sir, mit einem erstaunten Blick auf seinen leeren Teller: „Rutscht doch ganz anders als Tsampa!”
Der Weihnachtsmann machte sich abermals auf in die Küche, kehrte auf halbem Weg nochmals um, und streckte eine geballte Faust mit nach oben gerecktem „Sieges”-Daumen in Richtung Christkind, bevor er endgültig verschwand, um Nachschub für die leeren Teller zu holen.
„Ach - du steckst dahinter?!” Der Chor blickte entrüstet auf das Christkind.
„Hinter was?” fragte das Kindl unschuldsvoll zurück. „Apropos, Lady Edelgunde, könntest du mich vielleicht an deinem Parfum riechen lassen, bis der Chef mit dem Essen zurück ist?”

Kili Riethmayer

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