16. Dezember


Vorbemerkung: Vielleicht erinnert sich der eine oder andere regelmäßige Besucher unseres Adventskalenders noch an die Geschichte des vergangenen Jahres, die sich um das (Christ)Kindl, den Weihnachtsmann und seine vier Rentiere, die Queen, den King, Lady Edelgunde und Sir Quirin - oder kurz: die Adelshäupter - rankte. Hier eine weitere Episode.


Die Überraschung

Schon geraume Zeit vor Weihnachten hatten die Adelshäupter den Weihnachtsmann zu einer Besprechung ins Wohnzimmer geladen: So, wie sie Weihnachten Jahr für Jahr feierten, sei es zwar schön und gemütlich, doch auf der anderen Seite „recht eingefahren”. Ob der Chef etwas dagegen habe, dass dieses Mal die Adelshäupter die Vorbereitungen träfen und das Weihnachtszimmer schmückten?
„Eine gute Idee.” Der Weihnachtsmann nickte zustimmend. „Das einzige Problem ist, dass ich euch mein Arbeitszimmer nicht schon Tage vorher überlassen kann - und ich nehme doch ganz stark an, dass das Weihnachtszimmer eine Überraschung für das Kindl und mich sein soll?”
„Klar”, schmetterte der Chor, „eine gewaltige Überraschung!”
„Doch wir wollten dafür nicht dein Arbeits-, sondern das Wohnzimmer hernehmen, das bietet mehr Platz.” fügte die Queen an.
„Ist schließlich auch unser Zimmer.” ergänzte der King.
„Es wird einfach großartig!” Lady Edelgunde bekam feuchte Augen, als sie das Weihnachtszimmer vor ihrem inneren Auge vorbeiflimmern ließ.

Der Weihnachtsmann bemerkte schnell, warum die Besprechung so früh im Jahr stattgefunden hatte: Ab Mitte November erschallte jedes Mal ein entschiedenes „Geschlossen!”, wenn er in alter Gewohnheit den Weg zum Lager durchs Wohnzimmer einschlagen wollte. Der Weihnachtsmann lauschte für einen Moment auf die Geräusche, die durch die Tür drangen - gedämpftes Rascheln von Papier, ein prüfendes „etwas weiter nach links und dazu ein wenig nach oben”, ein kurzes Hämmern, ein jubelndes „das wird der Renner”. Dann ging er durch den Flur zurück zur Haustür und zog brummend seine Stiefel an:
„Gerade in diesem Jahr muss der Schnee so früh kommen und dazu auch noch liegen bleiben! Ich wette, dass er an Heilig Abend wieder weggetaut oder -geregnet ist.”
Unwillkürlich warf er bei jedem seiner täglichen Gänge, die der Bestandsaufnahme und Ergänzung der Geschenke dienten, einen Blick zum Wohnzimmerfenster hinüber. Doch das war von den Adelshäuptern gründlich verhüllt worden.
„Einen Monat Vorbereitung - ich würde gar zu gerne wissen, was meine vier Koryphäen aushecken ...”

Die Ausfahrt gestaltete sich dieses Jahr zu einer gelinden Katastrophe. Die Adelshäupter waren schrecklich aufgeregt, tuschelten fortwährend miteinander, fuhren den Schlitten zweimal derart in die Schneewehen, dass sie alle Mühe hatten den „Gabenstapler” wieder freizubekommen, ohne ihn umzukippen. Wider jegliche todsichere Prognose des Weihnachtsmanns war der Schnee auch zum Weihnachtsabend liegen geblieben. Schließlich folgte der Gipfel des chaotischen Fahrabends:
„Jetzt reicht's aber!” rief der Weihnachtsmann mit aller Stimmgewalt, die ihm zur Verfügung stand, hinter dem sich entfernenden Schlitten her.
In ihrem Getuschel und Geflüster hatten die Adelshäupter überhaupt nicht registriert, dass der Weihnachtsmann noch beim Ausliefern der Geschenke war; unter dem Schellengeläut ihres Geschirrs hatten sie sich in Bewegung gesetzt, und in ihrem Geratsche die verzweifelten Versuche des Christkinds, sie zum Anhalten zu bringen, mühelos überhört. Endlich hatte es das Christkind geschafft, sich auf den Kutschbock zu schwingen, die Zügel anzuziehen, und die Adelshäupter soweit aus ihrer Unterhaltung zu reißen, dass sie anhielten.
Mit einem berückenden Augenaufschlag sagte Lady Edelgunde zum herantrabenden Weihnachtsmann: „Herrlich, dieses knirschende Geräusch von eilenden Schritten im Schnee! Es macht einfach Spaß, schon wieder so einen wunderbaren Winter zu haben.”
„Manchmal überkommt mich eine schier unbezähmbare Lust auf Rentiersteak!” bruttelte der Weihnachtsmann schwer atmend.
„Pfui!” verurteilte der Chor den Chef verachtungsvoll.

Endlich war es soweit. Lady Edelgunde, die aufgeregteste der Vier, verschwand im Weihnachtszimmer, um - dieses Jahr konventionell, ohne jegliche himmlischen Extras - die Kerzen anzuzünden. Die Bescherungsglocke ertönte. Lady Edelgunde riss die Tür sperrangelweit auf, das Christkind und der Weihnachtsmann durften einmarschieren, eskortiert von Queen, King und Sir. Den beiden Bescherten verschlug es die Sprache. Hatten sie bislang nur wenige Gedanken darauf verschwendet, was sich für Rentiere im allgemeinen und Adelshäupter im besonderen hinter Begriffen wie schön, stimmungsvoll, festlich verbergen mochte, so erhielten sie nun, in einem einzigen Augenblick, umfassenden Aufschluss darüber. Die Adelshäupter hatten ganz offensichtlich den Schuppen neben der Garage und den Dachboden umfassend geplündert. Das Wohnzimmer war mit sämtlichen „Preziosen” der Lagerstätten drapiert, die Farbe und Glitter aufwiesen. Was eine gewaltige Menge war, denn im Lauf der vielen Jahre kamen Geschenke aus der Mode, die der Weihnachtsmann sich in günstigen Vorratspackungen zugelegt hatte; gingen Liebesgaben zum Umtausch zurück, die im nächsten Jahr vergessen wurden wieder miteinzubeziehen; sammelten sich Herrlichkeiten an, die derart geschmacklos waren, dass es der Weihnachtsmann nach hartem Ringen nicht übers Herz gebracht hatte, sie unter einen Weihnachtsbaum zu legen, sie oft im letzten Moment wieder aus dem Schlitten nahm. Aus all diesen Köstlichkeiten hatten die Adelshäupter einen Raum gestaltet, der die phantastischen Seiten eines Kuriositätenkabinetts, einer Faschingshochburg, eines Wachsfiguren-Panoptikums und eines Trödlerladens in sich vereinte. Im Zentrum des Wohnzimmers thronte der Weihnachtsbaum als pyramidaler Höhepunkt, geschmückt mit Silber-, Gold- und Pink-Lametta, mit Plastikkugeln in Neon-Regenbogenfarben, mit allerliebsten Gartenzwergen, die sich in hilfreichen Tätigkeiten mühten oder auch nur stoisch ihrem Anglerdasein nachgingen, mit aufklappbaren Nikolausstiefeln und -häuschen, in denen gar putzige Mäusefamilien ihr Stüblein fegten oder ihr mäusliches Fest bereiteten, mit Sternensingern, die, wiewohl am Halse aufgeknüpft, die Luft mit mächtigem Gesang zu erfüllen schienen - und natürlich mit einer Fülle von Rentieren, bekleidet mit roten Weinhachtsmannmänteln und -mützen.
„Ist es nicht wunderbar?” Die Queen blinzelte verklärt.
Lady Edelgunde konnte nicht sprechen, schluckte schwer und tupfte sich die Augen trocken, die ein großer Trauerrand von verlaufenem Lidschatten umgab.
„Es ist wunderbar!” nickten King Irenäus und der Sir, auch sie nur mühsam gefasst.
Der Weihnachtsmann wurde durch das Schauspiel einige Jahre in seiner Entwicklung zurückgeworfen: „Es ist gigantisch!” stieß er in einem fort hervor „Einfach gigantisch!”
„Dabei kommt der Clou erst noch!” triumphierte der King und bückte sich. Der Weihnachtsbaum, der in einem schweren, alten, versilberten Ständer stand, begann sich langsam zu drehen, und die Melodie von „Oh Tannenbaum” erscholl verzerrt aus dem langsam auf Touren kommenden Ständer.
„Der funktioniert doch schon seit Jahrzehnten nicht mehr” stotterte der Weihnachtsmann ungläubig.
Den männlichen Adelshäuptern schwoll die Brust: „Und nun sogar elektrisch, dass man nicht immerfort aufziehen muss.”
„Deckung!” rief der Weihnachtsmann. Das beschauliche Spektakel hatte nach einer kurzen Aufwärmphase eine ungeheure Dynamik gewonnen: Der Weihnachtsbaum wirbelte wie die Putzwalze einer Autowaschanlage um die eigene Achse. Endlich schaffte es der King seine Erstarrung zu überwinden und die Stromversorgung zu unterbrechen. Sir Qurin machte eine resignierte Handbewegung:
„Ein dutzend Mal haben wir's dir gesagt: Rechts ist Stufe I, rechts!”
„Schalter und Motor vom großen Deckenventilator?” fragte der Weihnachtsmann.
„Ja.” erwiderte der Sir gepresst.
„Verstehe”, sagte der Weihnachtsmann, „links ist Stufe V.”
Der Weihnachtsbaum stand makellos grün, wie frisch aus dem Wald hereingeholt, im Zimmer. Kein Stück der Dekoration zierte ihn länger. Adelshäupter und Weihnachtsmann sahen sich betreten an - bis sie gewahr wurden, welchen Anblick sie boten: Auf dem Geweih des Kings fanden sich all die lustig flackernden Kerzen wieder, die den Weihnachtsbaum noch vor wenigen Augenblicken geschmückt hatten; die Queen erstrahlte im Goldschmuck ihrer neuen Lamettahaare mit pinkfarbenen Strähnchen, Sir Quirin zeigte vornehm versilberte Schläfen an seiner Mähne; der Weihnachtsmann war behangen mit all den niedlichen Rentieren, und Lady Edelgundes Äußeres erinnerte an eine gut ausstaffierte Modeschmuck-Boutique. Die also Veredelten wandten sich mit einem Ruck zum Christkind um. Das saß auf seiner Wolke, sanft schaukelnd und ungeschmückt.
„Ja?” fragte es, als es alle Blicke auf sich gerichtet sah.
„Das geht doch unmöglich mit rechten Dingen zu!” Der Chor der Adelshäupter wurde dieses Mal verstärkt durch den Bass des Weihnachtsmanns.
„Das sehe ich auch so.” sagte das Christkind vergnügt. „Ihr müsst zugeben, dass es sehr stimmungsvoll ist - stimmungsvoller jedenfalls, als wenn alles im Zimmer verstreut wäre.”
„Finde ich auch!” stimmte Lady Edelgunde zu.
Der Weihnachtsbaum musste für diesen Abend auf wesentliche Teile seines Schmucks verzichten, denn Lady Edelgunde weigerte sich ihr Dekor zurückzuhängen. Und die anderen mussten weitgehend auf ihre Gesellschaft verzichten, denn sie konnte sich nur kurzzeitig von ihrem Spiegelbild im Bad lösen.


Kili Riethmayer

Für den Fall, dass Ihnen die Erlebnisse von Weihnachtsmann & Co. Spaß machen und Sie die 2010 bzw. 2011 im Adventskalender enthaltenen Episoden verpasst haben, finden Sie diese unter den voranstehenden Links.




Aufziehbarer, rotierender Christbaumständer