LEO

10. Dezember 2022

Vorbemerkung: Zwar ist wenig über die Auswirkung von Corona auf edle Rentiere bekannt, doch da es keinerlei passende, geschweige denn modische „Maultäschle” für sie gab, wie die Lady durchaus berechtigt bemäkelte, haben sich die Adelshäupter und der Weihnachtsmann in den letzten beiden Jahre leicht grantig in Isolation begeben. Doch dieses Jahr ist wieder alles entspannter. (Für diejenigen, die die bisherigen Auftritte im LEO-Adventskalender versäumt haben, finden sich am Seitenende Verweise auf die früheren Episoden.)

Kumpels

Adelshäupter

Der Weihnachtsmann kehrte dem sonnig-sommerlichen Gartenidyll den Rücken, überhörte geflissentlich den Ruf der Lady: „Da du um diese Jahreszeit sowieso nicht weißt, wohin mit deiner Zeit, könntest du uns eigentlich ein Glas Sekt kredenzen!”, stapfte in das Halbdunkel seines Arbeitszimmers, von dort in den Flur, öffnete die Haustür und anschließend den voluminösen Briefkasten mit der Aufschrift Wunschzettel. Ein einziger Brief verlor sich darin, den das Kindl auf seine geheimnisvolle Weise von irgendeinem Küchen- oder Biedermeier-Tisch per himmlischer Engelspost zugestellt hatte. Die Auslese war nicht unüblich für Mitte Sommer: Wer denkt im Juli oder August schon daran, wieviel leichter die Vorweihnachtszeit für den Weihnachtsmann wäre, wenn die Wünsche übers Jahr verteilt eintrudelten? Ein Weihnachtswunsch in Sütterlinschrift!

„Ich fasse es nicht! In welchem Jahrtausend leben wir denn?”

Dafür war das Schriftbild ein Kunstwerk in seiner Feinheit und Zierlichkeit.

„An Ihro Hochwohlgeboren, den lieben Weihnachtsmann!”

Der hochwohlgeborene Weihnachtsmann warf einen Blick auf die Jahreszahl seines Wandkalenders – doch, er fühlte sich zu Recht in der ersten Hälfte des 21-sten Jahrhunderts. Nach länglichem Dechiffrieren ergab sich folgende Zusammenfassung: Die Edle und Freifrau von Kumbernuss war sich sicher, dass ihre voll auf den Bio-Tripp abfahrende Enkelin sich nichts sehnlicher wünschte als einen nostalgischen Einweck-Apparat. Nichts mit Elektrik oder gar Elektronik, nichts mit künstlicher Intelligenz, die jede menschliche Eigeninitiative diskussionslos abwürgte, sondern den guten Originalzinktopf mit aus dem Deckel ragenden Stabthermometer, der schon auf den alten Herden mit den einlegbaren Eisenringen über dem Holz- und Kohlenfeuer so vitaminschonend Kompott produziert hatte. Natürlich mit dem Einsatz, auf dem die Rillengläser kreisförmig platziert wurden, dazu drei Dutzend Gläser, die passenden Gummiringe und die Spanner zum Anpressen der Deckel auf Gummiringe und Gläser. Bis vor Kurzem hatte die Edle noch ihr gesamtes Kompott selbst einkochen lassen, bis ihre Einweckköchin vom Zeitlichen in das Ewige übergewechselt war. Zum Glück habe sie noch für etliche Jahre wohltemperiert gelagerte Vorräte im Keller.

„Denk daran – schaff Vorrat an!”, murmelte der Weihnachtsmann, der sich sicher war, dass die Enkelin gegebenenfalls Alleinerbin der verbliebenen Weckprodukte sein würde.

Mit einem Seufzer der Erleichterung stellte der Weihnachtsmann fest, dass weder eine detaillierte Aufstellung der gesammelten Kompottgalerie, noch irgendwelche Lieblingsrezepte beigepackt waren.

Vom Garten klangen die heiteren Stimmen der Adelshäupter durch die offene Terrassentür herein, doch sie erzeugten keinen Geistesblitz beim Weihnachtsmann. Dann konnte er eigentlich auch nett sein! Kurze Zeit später balancierte der Weihnachtsmann vorsichtig fünf Gläser Sekt auf einem Tablett in den Garten, was ihm großes Lob einbrachte. Während die Stimmen der Adelshäupter von Schluck zu Schluck fröhlicher erklangen, brütete der Weihnachtsman auf seinem Stuhl gedankenverloren vor sich hin.

„Wenn du keine Lust auf deinen Sekt hast, ich könnte ein zweites Glas gut vertragen!” Es war der Sir, der die Frage nach dem Schweigen das Weihnachtsmannes so taktvoll verklausulierte. Der Weihnachtsmann bedachte die Runde mit einem großen Seufzer, dann weihte er die Adelshäupter in sein Problem ein. Die vier nickten verständnisvoll, versanken in kollektives Grübeln, bis der King meinte:

„Frag doch mal Steffen. Sein Hof sieht so aus, als hätte er seit Jahrzehnten nichts mehr weggeworfen.”

Der Weihnachtsmann wandte seinen Blick von der Betrachtung seiner Zehen auf die Gebäude seines Nachbarn, die für einen alleinstehenden Landwirt ohne Traumbäuerin recht reichlich bemessen waren.

Unbewusst trällerte der Weihnachtsmann auf seinem Weg in die Küche ,Im Märzen der Bauer die Rösslein einspannt' vor sich hin, schenkte vier Gläser voll, stieg in den Keller und holte ein gute Flasche Rotwein herauf.

„Hallo Steffen” überraschte er wenig später seinen Nachbarn und schwenkte die Flasche. „Ich dachte ...”

„Ein guter Gedanke, hallo Klaus!”, grinste Steffen und legte seine Mistgabel zur Seite. „Ist sowieso zu heiß zum Misten. Erst mal ein kühles Helles und danach den Roten?”

Der Weihnachtsmann fühlte sich uneingeschränkt willkommen. Da sie sich wieder einmal so lange nicht gesehen hatten, verlief der Start des Besuchs vom Gesundheitszustand ( „Kann nicht klagen.” – „Gerade wie bei mir!”) bis zum Wetter ( „Könnte schlimmer sein.”– „Sehe ich genauso”) in tiefgründigen Bahnen. Als Steffen auf den wegen der langen Trockenheit kärglichen Wuchs bei Kartoffeln und Mais umschwenkte, wurde Klaus unruhig:

„Im Gegensatz zu dir bin ich eher Hobbylandwirt, sieht man ja schon an meinen ausgefallenen „Kühen”. Dagegen du ...” Der Weihnachtsmann ließ seinen Arm weit und bewundernd über Steffens Felder, Wälder und Wiesen schweifen, soweit sie von Bierbänken und -tisch, an denen sie sich niedergelassen hatten, sichtbar waren. Steffen nickte zustimmend, er konnte sich nicht daran erinnern, Klaus mal auf einem Traktor gesehen zu haben.

„Hast du dein Anwesen geerbt und machst jetzt eher auf Aussteiger?”

„Mehr oder weniger.”, wand sich der Weihnachtsmann, um dann schnell von diesem kritischen Thema abzulenken. „Aber frei heraus: Ich wollte dich fragen, ob du mir vielleicht aus der Patsche helfen kannst?”

„Wenn's in meinen Kräften steht, herzlich gerne!”

Von der uralten Tante des Weihnachtsmanns wusste Steffen seit der gemeinsamen Glühweinausschweifung auf dem Weihnachtsmarkt, so musste sein Besucher nicht lange ausholen.

„In Kürze feiert sie ihren 95-sten Geburtstag und du wirst es nicht glauben: Ihr einziger Wunsch ist einer dieser alten Wecktöpfe (Steffen nickte), weil ihr Juwel nach Jahrzehnten korrodiert ist. Unglaublich – andere in ihrem Alter wünschen sich vielleicht eine Flasche Eierlikör ...”

„Da könnten wir Glück haben. Ich bin mir totsicher, dass ich den von Muttern mit allem Drum und Dran dort noch im Schuppen stehen habe. Wenn, dann musst du ihn aber komplett mitnehmen!”

„Klar! Und das erste Glas Kompott, dass ich abkriege, teilen wir brüderlich. Prost!”

Die Einweckkumpel schütteten genussvoll den Rest ihres Bieres in sich hinein. Die Sache lief so phantastisch, dass der Weihnachtsmann völlig vergessen hatte, dass er keine alte Tante besaß, der Einwecktopf für jemand ganz anderen bestimmt und es damit unwahrscheinlich war, dass er je in den Besitz eines gefüllten Kompottglases kommen würde.

Das Kramen in Steffens Schuppen musste das Herz jedes Sammlers zum Überquellen bringen. Lagen in der Nähe des Tors noch mehr oder minder verrostete Relikte ausrangierter Landwirtschaftsgeräte, so offenbarten, nachdem Spinnweben und Staub abgetragen waren, die Tiefen des Schatzhauses eine Menge von Steffens kind- und jugendlichen Weihnachtswünschen. In Steffen riefen sie verschüttete Erinnerungen an stimmungsvolle Feste unter dem von Kerzen erleuchteten Baum wach, beim Weihnachtsmann verschüttete Erinnerungen an Wünsche, die seit langem nicht mehr auf den Wunschzetteln auftauchten.

„Fass mal an, Klaus!”, Steffen deutete aufs entlegene Ende einer voluminösen Kiste, die er mit beiden Händen an einem schmiedeeisernen Henkel hielt. „Wenn dir der Inhalt nicht das Herz übergehen lässt, weiß ich echt nicht, von was du in deiner Kindheit geträumt hast!”

Steffens Augen glänzten, während der Weihnachtsmann sich des freien Henkels bemächtigte und unter einem vom Gewicht der Kiste hervorgepressten „Uff!” Steffens Ziehen ins Freie nachgab. Mitten im Hof neben den Bierbänken setzten die beiden die Kiste ab. Steffen ließ den gewölbten Deckel des uralten Prachtsstück zurückklappen, der Weihnachtsmann konnte einen bewundernden Pfiff nicht unterdrücken. Geblendet vom durch die Sonne erzeugten Silberfunkeln entfuhr ihm: „Was für eine gigantische Menge Schienen – die Züge, Bahnhöfe, Weichen dazu hast du sicher auch noch?” Auch nach jahrelanger Dunkelhaft erstrahlte das zerlegte Schienenmaterial von Steffens Aufzieheisenbahn ohne einen Anflug von Korrosion.

(Fortsetzung im morgigen Türchen)

Text: © Kili Riethmayer
Bild: © Doris Lettmann

Für den Fall, dass Ihnen die Episode Spaß gemacht hat, finden sind die Adelshäupter, den Weihnachtsmann und das Kindl unter den nachstehenden Links:
Eine denkwürdige Schlittenfahrt (2010), Schöne Bescherung (2011), Die Überraschung (2012), Das Weihnachtsessen (2013), Aushilfskräfte (2014), Der Herzenswunsch (2015), Die Panne (2016) (Teil 1), Die Panne (2016) (Teil 2), Glühwein (2017) (Teil 1), Glühwein (2017) (Teil 2), Entzückend! (2018) (Teil 1), Entzückend! (2018) (Teil 2), Freue dich! (2019) (Teil 1), Freue dich! (2019) (Teil 2)

Previous Advent calendars: 2022 | 2021 | 2020 | 2019 | 2018 | 2017 | 2016 | 2015 | 2014 | 2013 | 2012 | 2011 | 2010 | 2009 | 2008 | 2007 | 2006 | 2005 | 2004 | 2003 | 2002 | 2001 | 2000 | 1999 | 1998 | 1997 | 1996 | 1995 | 1994 |