LEO

11. Dezember 2022

Fortsetzung von gestern

„Wollen wir?” Steffen nickte zum Haus hin. Die zwei sich von Schritt zu Schritt sichtbar verjüngenden Männer waren vollständig gebannt von der gehobenen Köstlichkeit.

„Unbedingt!” Obwohl die Regale im Lager des Weihnachtsmanns von Spielsachen und einmalig Schönem fast überquollen, zog ihn der Anblick des lange nicht mehr gesehenen Uralt-Spielzeugs unentrinnbar in seinen Bann.

Da mochte die Sonne sich draußen noch so viel Mühe geben und die Natur mit goldenem Zauber überziehen, Rosa, Franzi, Resi und Zenzi im Schatten einer uralten Linde die Szenerie zum Stillleben Wiederkäuende Kühe vor ökologischer Naturidylle erheben – die beiden alten Knaben frönten im Finster der guten Stube der Wiedererweckung ihrer Jugend. Das Gespräch konzentrierte sich aufs Wesentlichste: „Was meinst du – so?” – „Mmm.” – „Siehst du irgendwo das zweite Teil der Brücke?” – „Mmm, hier.” – „Noch ein Glas?” – „Gerne.” – „Ich hol uns schnell die Kiste mit den Bahnhöfen, Lokomotiven und Anhängern.”

Endlich war der Boden des Eisenbahnertraums erreicht, Steffen packte die Lokomotiven, Tender, Personen- und Güterwagen aus dem vergilbten Seidenpapier aus, die Züge wurden arrangiert, die Uhrwerke aufgezogen. Auf Steffens Zeichen legten der Weihnachtsmann und er die Starthebel um, dann ratterten vier Züge lärmend über das weitgesponnene Netz.

„Die Weiche!” Die Warnung ertönte zu spät, der Express donnerte ungebremst auf den Prellbock des Abstellgleises. Der Zug kippte in ganzer Länge um, drei Plastikreisende wurden aus den Waggons geschleudert, blieben aber auf Grund ihrer Konsistenz unverletzt. Die Antriebsräder der Lok verpulverten ihre Restenergie in die Luft. „Dilletantisch mal wieder, der Chef” machte sich die boshafte Bemerkung des Sirs vom letzten Jahr auf dem Gschwendtnerhof im Kopf des Weihnachtsmanns breit. Er sah sich vorsichtig im Zimmer um, ob der Sir nicht doch im Zimmer stand, die Worte tatsächlich ganz real gesprochen hatte. Zum Glück blieb die Bemerkung ein plastisches Hirngespinst! Dann schaute der Weihnachtsmann besorgt auf Steffen, ob der ihm nicht gram war. Doch den schüttelte ein nicht enden wollender Heiterkeitsanfall.

„Genau wie in meiner Kindheit mit meinen damaligen Spielkameraden! Das Aufbauen, die gewagten Fahrmanöver und die folgenlosen Unfälle in Folge menschlichen Versagens waren noch immer das schönste!”

Die beiden Buben genossen unter backfischhaftem Gegacker rasante Fahrten, vergebliche Rettungsaktionen und den süffigen Roten. Irgendwann ließ Steffen etwas melancholisch seinen Blick durch den großen Raum und über die prachtvolle Anlage schweifen:

„Nahezu perfekt. Nur die Drehscheibe mit dem Lokschuppen stand jahrelang vergeblich auf meinen Wunschzetteln. Entweder ich war nicht brav genug, oder das Teil war Weihnachtsmann und Christkind einfach zu teuer.”

„Dem Weihnachtsmann und Christkind zu teuer?! Wir sind doch keine Knicker!”

Was meintest du, Klaus?”

Klaus hätte einem Puter alle Ehre gemacht, so schoss ihm das Blut in den Kopf.

„Natürlich die, nicht wir.”, stotterte der Weihnachtsmann heraus. „Der Wein hat wirklich jede Menge Prozente!”

Doch so einfach ließ Steffen seinen Kumpel nicht vom Haken:

„Jetzt endlich mal raus mit der Sprache, sonst war das unser letzter gemeinsamer Frontalzusammenstoß! Ich bin ja nicht auf der Brennsuppe dahergeschwommen. Meinst du, mir wären die vielen Seltsamkeiten um dich, deine Rentiere und deinen Bauernhof nicht seit langem suspekt vorgekommen? Glaubst du wirklich, ich hätte dir auch nur eine Minute die abstruse Geschichte abgenommen, wie du mein Braun- in Schwarzvieh verwandelt hast? Der nächste aktive Köhler wohnt wahrscheinlich jenseits des Polarkreises. Geheimnistuerei, Verschwiegenheit, alles gut und recht – aber unter Freunden, die Jugendträume teilen?”

Steffen musterte seinen neuen Jugendfreund vorwurfsvoll, an der Schwelle zu abgrundtiefer Enttäuschung.

Der Weihnachtsmann wand sich, kämpfte, dann brach das schwache Abwehrbollwerk unter Steffens gekränktem Blick: „Versprochen, dass du es nie und niemandem weitererzählst?”

„Klar, echtes Kumpel-Ehrenwort! Wir sind ja unter Männern!”

„Das ist ja das Problem”, lästerte im Weihnachtsmann eine innere Stimme, die unüberhörbar das Timbre von Lady Edelgunde hatte.

Der Weihnachtsmann brütete vor sich hin, sah nichts mehr von seiner glitzernden Umgebung. Durfte er wirklich ...?

Steffen war taktvoll genug, seinen Eisenbahnfreund bei seinem inneren Ringen nicht unter Druck zu setzen. Stattdessen füllte er nochmals diskret sein Glas und drückte es in die sich fortwährend öffnende und schließende Hand des Weihnachtsmanns. Die konvulsiven Zuckungen wichen einer gleichmäßigen zielgerichteten Bewegung nach oben. Der Zungenlöser und eine ordentliche Portion Selbstmitleid entfalteten ihre Kraft: Wann hatte der Weihnachtsmann zuletzt einen Freund, gar einen Jugendfreund mit einer Aufzieheisenbahn gehabt? Außerdem hatte er dem Kindl genug Zeit gelassen einzuschreiten, wenn er das Geheimnis nicht hätte ausplaudern dürfen.

Anfangs suchte der Weihnachtsmann noch nach Worten und bastelte an der richtigen Abfolge seines Geständnisses, doch dann brach es wie eine Sturmflut aus ihm heraus, es kam zu einem kompletten Deichbruch. Erst als er sich dem rasanten Höllenritt durch die Esse näherte und zur Einfärbung der vier Schlittenkühe, verlor sich der Erzählfluss erneut in Stottern. Dann war auch diese finale Klippe geschafft und der Weihnachtsmann verstummte.

„Das klingt so schräg, dass es unmöglich geschwindelt sein kann! Unfassbar, da wohnt man Seite an Seite mit dem Weihnachtsmann und seinen Adelshäuptern und hat keinen blassen Schimmer davon! Das erklärt nun doch so einiges. Klaus, Klaus – du machst und erzählst Geschichten, es könnte einem ganz wirr im Kopf werden. Darauf müssen wir unbedingt anstoßen. Oh, die Flasche ist leer?! Dann geh' ich mal Nachschub ho... – du meine Güte, die Sonne ist schon unter dem Horizont! Tut mir leid, aber dann muss ich mich erst mal um meine vier Prachtexemplare kümmern! Verstehe gar nicht, dass sie sich nicht schon längst beschwert haben. Sorry, aber wat mutt, dat mutt!” Steffen lächelte dem Weihnachtsmann verschwörerisch zu und verschwand im Hausgang.

„Klaus, das musst du dir anseh'n!” erscholl gleich darauf Steffens Stimme ins Haus zurück.

Der Weihnachtsmann wuchtete sich unter herzzerreißendem Stöhnen auf die Beine und folgte Steffen ins Freie. Unter rosa Wölkchen und einem orange-rot-azurnen Abendhimmel hatte sich das pastorale Stillleben zu einem herzergreifenden Schauspiel erweitert: Friedlich nebeneinander gebettet lagen Kühe und Adelshäupter und erweckten das Bild eines wunderbar verplauderten Kaffekränzchens.

„Sie hatten sich mit der Zeit auch nach Gesellschaft gesehnt, da sich dein Besuch bei Steffen so in die Länge zog. Doch mit dem Feingefühl alten Rentier-Adels wollten sie ihren Chef und seinen neuen Freund nicht beim Spielen stören.”

„Aber, aber ...” Der Weihnachtsmann wandte seine Augen nach oben und suchte die leicht kitschigen rosa Schäfchenwolken ab. Irgendwo da oben saß sicher das Kindl. Doch in all den Wattebergen ließ es sich ausmachen.

Der Weihnachtsmann zuckte zusammen, als neben ihm ein vernehmliches Klicken ertönte.

„Wenigstens einer, der einen Sinn für einmalige Schnapschüsse hat! Ich hoffe, der antike Film deines neuen Freunds ist noch nicht zu weit über dem Verfallsdatum. Wenn ich gewusst hätte, dass es zum Foto-Shooting kommt, hätte ich mir selbstverständlich einen passenden Sonnenhut aufgesetzt. Aber der Herr Chef hat ja nur Augen und Gedanken für Kinderspielzeug!” Die Queen sah den Weihnachtsmann so aristokratisch-kühl an, wie es ihr möglich war.

„Ich denke, ich habe die einmalige Szene im Kasten.” Steffen täschelte seinen alten Fotoapparat. „Aber, auch wenn ich das beschauliche Landleben ungern störe: Es ist höchste Zeit fürs Melken.”

Widerstrebend erhoben sich Kühe und Adelshäupter, nickten sich wie zum Abschied zu. Können wir auf dich warten oder musst du noch aufräumen und dich länglich von Steffen verabschieden?

„Ich komme, ich komme sofort!”, rief der Weihnachtsmann seinen Rennern zu. „Mach's gut, Steffen, und herzlichen Dank für deine riesige” – weiter kam er nicht, denn in diesem Augenblick hatte Rosa ihn auf dem Weg zum Stall erreicht, und konnte einfach nicht anders, als ihm nach der langen Trennung liebevoll mit ihrer roten Zunge über Wangen und Mund fahren.

„Genug, Rosa, genug, dein Herzensbrecher kommt bald mal wieder!”

Wenn schon nicht für den Weihnachtsmann, so neigte sich doch zumindest für Rosa, Steffen und die feixenden Adelshäupter ein Tag ungetrübter Freude dem Ende zu.


Abschließend sind wohl noch einige kurze Ergänzungen zu diesem Männernachmittag mit dem zauberhaftem Naturschauspiel angebracht: Zuhause eingetroffen, fiel dem Weihnachtsmann siedend heiß ein, dass ihm der eigentliche Zweck seines Besuchs, der Weckapparat, völlig aus dem Sinn gekommen war. Doch es war noch lange bis Weihnachten und damit Zeit für nicht nur einen Besuch unter Freunden. Und selbstverständlich hielt das Kindl bei der Bescherung eine ganz besonderes Präsent für den Weihnachtsmann bereit:

„Damit du nicht am Ende noch gegenüber deinem Kumpel wortbrüchig wirst.”, meinte es lächelnd und zog aus seiner Wolke ein paar appetitlich gefüllte Einweckgläser hervor.

Text: ©Kili Riethmayer


Für den Fall, dass Ihnen die Episode Spaß gemacht hat, finden sind die Adelshäupter, den Weihnachtsmann und das Kindl unter den nachstehenden Links:
Eine denkwürdige Schlittenfahrt (2010), Schöne Bescherung (2011), Die Überraschung (2012), Das Weihnachtsessen (2013), Aushilfskräfte (2014), Der Herzenswunsch (2015), Die Panne (2016) (Teil 1), Die Panne (2016) (Teil 2), Glühwein (2017) (Teil 1), Glühwein (2017) (Teil 2), Entzückend! (2018) (Teil 1), Entzückend! (2018) (Teil 2), Freue dich! (2019) (Teil 1), Freue dich! (2019) (Teil 2)

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