LEO

2. Dezember 2022

DER DICHTER AUF DEM NEBLIGEN GEBIRG

Su-Tong-Po

Der Dichter schreitet langsam das Gebirg empor;
Die Felsen in der Ferne, wo der Nebel braut,
Erscheinen ihm wie Schafe, die entschlummert sind.

Nun steht er auf dem Gipfel. Stöhnend ruht er sich
Auf einem Felsblock aus. Er ist sehr ermüdet, da
Er vor dem Aufstieg viel des goldnen Weins genoß.

Die Wolken schwanken über seinem Haupt dahin,
Er schaut, wie sie sich ballen, trüben Sinnes zu:
Bald ist der schöne blaue Himmel ganz bedeckt.

Da hebt er an zu singen mit umflortem Klang,
Daß nun der Herbst naht und die kalte Nebelluft
Und daß der Frühling unerreichbar ferne sei.

Und Wandrer kommen, der Natur sich zu erfreun,
Und sehn ihn und umringen ihn und lachen laut:
Seht, der da ist ein Dichter! Er ist wirr im Kopf.

Bild: Ma Yuan (1160–1225): Spaziergang auf einem Gebirgspfad im Frühling - Bei Wikimedia ansehen

Text: Aus: "Die chinesische Flöte - Nachdichtungen von Hans Bethge", Leipzig - Im Inselverlag 1926
Hans Bethge, geb. 9.1.1876 in Dessau, gest. am 1.2.1956 in Göppingen

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