LEO

15. Dezember 2018

Vorbemerkung: Das (Christ)Kindl, der Weihnachtsmann und seine vier ganz besonderen Rentiere, die Adelshäupter, haben inzwischen einen festen Platz im LEO-Adventskalender gefunden — Verweise auf in früheren Jahren erschienene Episoden finden sich unten. In diesem Jahr stehen die Queen mit ihrem Faible für ausgefallene Hutkreationen und der Weihnachtsmann mit seinem Faible für den Glühwein des Weihnachtsmarkts im Mittelpunkt. Auf dem Weihnachtsmarkts begegnet er auch nach langer Zeit seinem Nachbarn Steffen wieder, der ihm vor Jahren mit einem Kuhgespann aushalf, als die Adelshäupter nicht rechtzeitig zum Fest aus ihrem Heimaturlaub zurückkehrten.

Entzückend!

Der King, Lady Edelgunde und Sir Quirin hatten lange überlegt, womit sie der Queen zu Weihnachten eine Freude bereiten könnten. Klar, es bestand die eherne Abmachung unter den Adelshäuptern, dass man sich gegenseitig nichts schenkte. Doch es wäre der absolute Affront gewesen, hätte sich jemand an diese Abmachung gehalten. Lady Edelgunde gebar schließlich die Idee, die den beiden Männern uneingeschränkten Beifall entlockte:
„Sollten wir ihr nicht eine Vitrine schenken, in der sie all ihre entzückenden Hutkreationen das ganze Jahr über sichtbar vor Augen hat, statt das erwählte Exemplar jedesmal verzweiflungsvoll aus dem Finster des Schranks herauskramen zu müssen? Vermutlich würde das dem einen oder anderen vergessenen Unikat zu neuem Glanz verhelfen und ihre Apanage ein wenig schonen.”
„Wir würden unserer Queen die lange Wand des Wohnzimmers opfern?” Der Tonfall des Sirs schwankte zwischen Frage und Aussage. „Bei der Menge an Entzücken ...”
„Eine der Schmalseiten reicht, wenn die Vitrine bis zur Decke geht.”
„Es müsste ein ganz besonderes Stück sein, das unseren adeligen Geschmack trifft.”
„Wir entwerfen und bauen die Vitrine selbst”, konstatierte der King lapidar. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass es jemanden gibt, der dieses Prunkstück so fertigen kann, dass es unseren Vorstellungen und unserem Geschmack gerecht wird.”
Eine Feststellung, die kaum Raum für Zweifel ließ, denn, wie sich in einigen der früheren Episoden bereits zeigte, der Geschmack der Adelshäupter hatte durchaus etwas Exquisites.
„Hat jemand auch einen Vorschlag, wann wir dieses Kleinod anfertigen sollen?”, fragte Edelgunde skeptisch. „Unsere Queen ist doch ständig um uns, wenn sie nicht gerade im Bad Hutprobe hält.”
Unruhiges Schweigen hüllte die Häupter ein. Die Zeit für gute Einfälle drängte, da die Überraschung, unter deren Ankündigung die Queen das Zimmer vor einiger Zeit verlassen hatte, jeden Augenblick eintreten konnte.
„Was meint ihr: Wenn wir einen genauen Entwurf anfertigen, den Weihnachtsmann bitten, die nötigen Teile zu besorgen, und das Kindl, die Teile heimlich im Zimmer des Chefs zusammenzusetzen? Das Kindl verfügt auch über die Möglichkeiten, die Vitrine samt Baum und unseren Weihnachtsgeschenken während der Ausfahrt unauffällig in unser Zimmer zu versetzen. Dass sich unser Zimmer mindestens so gut für die Bescherung eignet wie das Zimmer vom Chef, darüber sind wir uns wohl einig.”

In diesem Moment öffnete sich die Tür und die Queen schwebte herein, mit einer Rosa-Blau-Tüll-Straußenfedern-Ausgeburt auf ihrem edlen Haupt, die ganz Ascot hätte erblassen lassen. Die Queen drehte sich lässig auf der Türschwelle, um die drei Bewunderer an allen Aspekten ihrer Neuerwerbung teilhaben zu lassen.
„Habe ich mir übers Internet bestellt. Ein ab-so-lu-tes Unikat. Ist es nicht ab-so-lut entzückend?”
Das Trio nickte sich zu. Eine Zustimmung, die weniger der Eruptionswolke auf dem Kopf der Queen galt als dem Vorschlag für Fertigung und Bescherung der Vitrine.
Und?!” Die Stimme der Queen hatte einen unüberhörbar frostigen Unterton. „Kein Kommentar? Von niemandem?”
„Umwerfend” — „Erdrückend” — „Was ist es? Noch die Verpackung oder bereits ...?”
Der Frost breitete sich aus der Rachenhöhle der Queen über ihre Schläfenlappen in die Augenhöhlen hinein aus, gebar dort Blicke von arktischer Kälte, die den Sir, von dem die letzte Bemerkung stammte, mit voller Wucht trafen.
„War doch nur ein Scherz!”, stammelte der Sir, den die Eiszapfen nahezu physisch erlegten.
„Es existieren anscheinend seeeehr unterschiedliche Vorstellungen von Humor in diesem Raum. Von einem blaublütigen ,Sir' erwarte ich ein anderes Niveau als das gerade gezeigte.”
„Jawohl, Milady, Verzeihung! Deine Neuerwerbung ist der ab-so-lu-te Blickfang deiner einmaligen Sammlung. Es wäre der fantastische Höhepunkt der diesjährigen Bescherung, wenn du sie an Heilig Abend zum Festmahl tragen würdest.” Der Sir klang ernst.
Die arktischen Blicke schmolzen unter einer galoppierenden Klimaerwärmung, der King und Lady Edelgunde erlitten im Gegenzug einen heftigen Reizhusten-Anfall (wobei nicht von der Hand zu weisen war, dass es sich eventuell auch um einen Reizhut-Anfall handeln mochte).
„Die trockene Heizungsluft”, japste der King. „Ich besorge uns etwas zu trinken.”
„Mach das. Ihr entschuldigt mich kurz, ich muss eine Ablage für mein neues modistisches Wunder suchen.” Die Queen stolzierte aus dem Zimmer.
„Bist du noch bei Sinnen?”, zischte Edelgunde den Sir an. „Diese Ausgeburt hat sich mir bereits in den paar Minuten, die sie im Zimmer war, auf den Magen geschlagen.”
„Dafür fertigst du den Entwurf der Vitrine an”, stimmte der King bei, der mit einer hustenmildernden Karaffe Wasser über die Schwelle trat.
„Und wir meckern daran herum”, schloss die Lady mit maliziösem Lächeln. Vom Flur tänzelten die Schritte der Queen heran.

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Sir Quirin hatte erwartungsgemäß viel zu leiden („Zu massiv, das muss viel aufgelockerter, am besten in mehreren Elementen rüberkommen.” — „Völlig unmöglich das nackte Holz. Schleiflack in einem raffiniert neutralen Elfenbeinton erscheint mir absolut alternativlos.”), bis sein soundsovielter Entwurf endlich gnädig abgenickt wurde. Der Weihnachtsmann wurde ins Vertrauen gezogen und stimmte den Beschaffungsplänen mit einem gegrantelten „Wo soll ich so kurz vor dem Fest die Zeit für die Besorgungen hernehmen?” zu. Die im Entwurf aufgeführten festlichen Applikationen der Vitrine waren in der geforderten Qualität nur auf dem Weihnachtsmarkt aufzutreiben. Was dem Weihnachtsmann eine willkommene Ausrede dafür lieferte, dass er seinen schon viel zu lange vernachlässigten motorisierten Schlitten wieder einmal aus der Garage holen konnte. Sein Grant war demgemäß reines Pharisäertum. Doch eine zu glatte Einwilligung hätte nur den Verdacht geweckt, er könne den Auftrag mit privatem Vergnügen verbinden. Die Dankeshymnen der drei Anfrager glätteten die gerunzelte Stirn. Ein knurriges „Schon gut, schon gut — ist ja für die Queen”, setzte den milden Schlusspunkt unter das Anliegen.

Ungeachtet aller vorgespielten und realen zeitlichen Engpässe, machte sich der Weihnachtsmann zwei Tage später zeitig am nächsten Morgen auf den Weg für die Einkäufe. Der Holzzuschnitt im Baumarkt war naturgemäß der Horror. Nicht nur, dass alle Welt zu Weihnachten den Liebsten selbstgebastelte Vitrinen zu schenken schien, nein, er musste sich auch noch die Bemerkungen gestresster Werktätiger anhören: „Gibt's denn für Rentner keine andere Zeit zum Einkaufen, als kurz vor dem Fest?” Gallig durchwühlte der Weihnachtsmann die Sonderangebotsstände, während er auf den Zuschnitt der Vitrinenwände und Einlegeböden wartete. Mehrere Kartons gefüllt mit Weihnachtsmännern, die er als seinen Beitrag zum Geschenk erwühlte und deren Inhalt als Hutständer für die diversen Kreationen in die Vitrine Einzug halten sollte, vermochten seinen Groll nur mäßig zu mildern. Immerhin fand er genügend Zeit, die Made in Taiwan-Schildchen von den Fußsockeln der Weihnachtsmänner abzukratzen, bis er den Zuschnitt entgegennehmen konnte. So sahen seine Gaben nahezu wie echte Erzgebirgserzeugnisse aus.
„Da wird das Kindl einen Spaß haben, bis es alles zusammengesetzt hat”, murmelte der Weihnachtsmann vor sich hin, als er die ganze Pracht endlich im Wagen verstaut hatte. Ein schlechtes Gewissen wegen der großen Limousine, die er fuhr, hatte er angesichts des gut gefüllten Stauraums jedenfalls nicht mehr. Dabei fehlten noch die vorausschauend bereits am Vortag georderten Scheiben. „Schnell noch zum Glaser und dann auf zum Weihnachtsmarkt.”

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„Wo haben Sie denn Ihre Enkelin gelassen? Ja, ja, irgendwann haben sie alle keine Lust mehr, mit den Großvätern Weihnachtsmärkte zu besuchen.” Die Verführung hatte den Alten mit dem prächtigen Vollbart und der ellenlangen Einkaufsliste gleich wiedererkannt, auch wenn seit seinem letzten Besuch einige Jahre vergangen waren.
Wie allen gut erhaltenen Männern, stieß dem Weihnachtsmann der Großvater sauer auf. Doch der ihm dargereichte, extra gut gefüllte Becher der köstlichen Klebrigkeit („mit Schuss, auf Kosten des Hauses”, wie ihm ein strahlendes Gesicht verkündete), entlockte ihm das Zugeständnis „Wie Sie sagen: Die Jugend hat halt anderes im Sinn.”
„Meine sind gerade in der Pubertät, da kommt noch was auf Sie zu.”
Der Weihnachtsmann ertränkte seine Hilflosigkeit in einem endlos langen Zug aus dem Becher und einem dauerhaften Nicken. Nicht auszudenken, wenn jetzt auch noch die Frage käme, ob das arme Geschöpf eventuell durch einen tragischen Umstand Waise und er der Alleinerziehende sei.
„Später — erst die Liste. Und danke für den Schuss!”, wehrte der Weihnachtsmann hastig das Angebot eines weiteren Bechers ab.
Es dauerte ein Weilchen, bis er wieder im Gleichgewicht war, das bunte Angebot der reich gefüllten Stände um sich wahr nahm und es mit seiner Liste vergleichen konnte. Kritisches Mustern der ausgebreiteten Fülle: Gab's denn nirgends alles, was die Liste enthielt? Schließlich der Stand, der alle Wünsche befriedigte. Selbst die der Adelshäupter. Der Weihnachtsmann griff zu einem der Sammelkörbchen und füllte es Stück um Stück mit Nussknackern, Engeln in allen Größen und Haltungen, Weihnachtsarien schmetternd oder die Becken schlagend, mit Watteschnee-dekorierten Zapfen, mit Lämpchen-geschmückten Girlanden und, unumgänglich, den schönsten Rentier- und Elchschöpfungen.
„Gut — ich glaube, das war's”, murmelte der Weihnachtsmann zufrieden in seinen dafür prächtig geeigneten Bart, als ihn ein herzhaftes Klopfen auf seine Schultern zusammenzucken ließ.
„Klaus — du hier! Jetzt sind wir Nachbarn und haben uns trotzdem seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen. Wie so oft, wenn man um die Ecke wohnt und sich jederzeit besuchen könnte.”
Der Weihnachtsmann blickte mit einem von Verwirrtheit auf freudvolles Erkennen wechselnden Ausdruck in das fröhliche Gesicht von Bauer Jörgensen.
„Steffen! Wie schön, dass man sich mal wieder trifft.”
„Alle für dich?”, Steffen deutete auf den gut gefüllten Korb.
„Nein, nein. Für meine alte Tante. Alt ist gar kein Begriff. Uralt. Vielleicht das letzte Weihnachten, du verstehst ...” Die flüssigen Notlügen müssen dem Schuss entwachsen sein, ging es dem Weihnachtsmann durch den Kopf. Er ließ sich seine Käufe einpacken.
„Die Alten”, pflichtete Steffen zu. „Je schlechter das Augenlicht wird, desto heller, glitzernder und bunter muss der Baum werden. Ich habe einen Onkel, vielleicht sollte ich für den auch etwas in der Art zusammenstellen. Haben tut er ja alles. Aber lass uns erst etwas gegen die Kälte tun, auf unser Wiedersehen anstoßen und klönen. Ist sicher viel passiert bei dir. Meine Kühe brauchst du dieses Jahr nicht? Gerade Rosa würde sich sicher freuen, wenn du die Tage mal vorbeischaust.”
Unter profunden Gesprächen erreichten die beiden Männer den Stammstand des Weihnachtsmanns. Becher um Becher wurde dem Weihnachtsmann intensiver bewusst, wie sehr ihm die Männergespräche in den letzten Monaten unterbewusst abgegangen waren. Doch für manche Erkenntnisse braucht's den Zufall.
„Schluss für heute, sonst habe ich morgen nichts mehr zum Ausschenken”, lachte die Standbesitzerin schließlich die beiden an. „Ich bestelle für die beiden Herren wohl am besten ein Taxi.”
Im Weihnachtsmann rührten sich Gewissensbisse, weil er dem Kindl versprochen hatte, die Teile für die Vitrine heute (oder war es bereits morgen?) nach Hause zu bringen. Aber irgendwie hatte er den entspannten Abend auch verdient, zwischen all dem Stress mit den Vorbereitungsarbeiten. ,Das Kindl bekommt die Vitrine auch mit einem Tag weniger fertig.' Kurz schwankte der Weihnachtsmann zwischen ein wenig Neid auf die wunderbaren Fähigkeiten des Christkinds und der Geborgenheit einer echten Männerfreundschaft. Dann schwankte er Arm in Arm mit seinem Kumpel Steffen dem wartenden Taxi zu.

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(Fortsetzung im morgigen Türchen)

Text: ©Kili Riethmayer


Für den Fall, dass Ihnen die Episode Spaß gemacht hat, finden sind die Adelshäupter, den Weihnachtsmann und das Kindl unter den nachstehenden Links:
Eine denkwürdige Schlittenfahrt (2010), Schöne Bescherung (2011), Die Überraschung (2012), Das Weihnachtsessen (2013), Aushilfskräfte (2014), Der Herzenswunsch (2015), Der Herzenswunsch (2015), Die Panne (2016) (Teil 1), Die Panne (2016) (Teil 2), Glühwein (2017) (Teil 1), Glühwein (2017) (Teil 2)

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