LEO

18. Dezember ­2016

Die Kornähren

Es war einmal eine Zeit, aber das ist schon undenklich lange her, da trugen alle Kornhalme, und auch die von anderem Getreide, volle goldgelbe Ähren herab bis auf den Boden; da gab es keine Armut und keine Hungersnot, niemals, und das war die goldene Zeit. Da konnten sich all Menschen mit Wonne sättigen, und auch die Vögel, die gern Körner fressen, Hühner und Tauben, desgleichen andre Tiere fanden ihr Futter vollauf.
Aber da waren unter den Menschen welche, die waren undankbar und gottvergessen und achteten die schöne Gottesgabe, das liebe Getreide, für gar nichts. Da gab es Frauen und Mägde, die machten Strohwische aus den vollen Ährenbüscheln, scheuerten damit alles, was in Haus und Hof verunreinigt war, und warfen sie dann weg, und die Buben und kleinen Mädchen jagten sich voll Mutwillen durch das liebe Korn, spielten Verstecken darin, wälzten sich darauf herum und zertraten es. Das jammerte den lieben Gott, der das Getreide den Menschen zur Nahrung gegeben hatte und dem Viehe zum Futter und nicht zum mutwilligen Verderben, und dachte bei sich, wir wollen es anders machen, und die goldene Zeit soll ein Ende haben.
Und da schuf der liebe Gott, daß hinfort jeder Halm nur eine einzige Ähre trug, einmal für die Menschen, damit sie das liebe Getreide besser schonen lernten, und einmal für die unschuldigen Tiere, damit sie doch noch ihr Futter haben sollten, wenn auch die Menschen nicht einmal die Ähre wert wären.
Von da an ist die Teurung und Armut in die Welt gekommen. Nur zuweilen und selten läßt der liebe Gott da und dort einen Wunderhalm mit vielen, vielen Ähren emporschießen und zeigt so den Menschen, wie es einst beschaffen war um das Getreide, und was er kann. Und es geht eine alte Prophezeiung unter dem Volke, daß einmal nach langen Jahren, wenn das Engelwort sich erfüllt haben wird: "Ehre sei Gott in der Höhe, Friede auf Erden und unter allen Menschen Wohlwollen, Segnung und Liebe", daß dann der Boden auch wieder von Gott erweckt werden solle, solche Halme zu tragen, die bis zur Wurzel voll Ähren sind. Unser keiner aber wird das erleben.

Text und Bild aus: Ludwig Bechsteins Märschenbuch für Kinder
Zwanzigste Auflage, Loewes Verlag Ferdinand Carl, Stuttgart, Erscheinungsjahr unbekannt

Previous Advent calendars: ­2022 | 2021 | 2020 | 2019 | 2018 | 2017 | 2016 | 2015 | 2014 | 2013 | 2012 | 2011 | 2010 | 2009 | 2008 | 2007 | 2006 | 2005 | 2004 | 2003 | 2002 | 2001 | 2000 | 1999 | 1998 | 1997 | 1996 | 1995 | 1994 |