24. Dezember



Das Bild wird aus urheberrechtlichen GrĂ¼nden nicht angezeigt Rose and Driftwood (c. 1932) von Ansel Adams

Es ist ein Ros entsprungen aus einer Wurzel zart

Es ist ein Ros entsprungen
aus einer Wurzel zart,
wie uns die Alten sungen;
von Jesse kam die Art
und hat ein Blümlein bracht
mitten im kalten Winter
wohl zu der halben Nacht.

Das Röslein, das ich meine,
davon Jesaja sagt,
hat uns gebracht alleine
Marie, die reine Magd;
aus Gottes ewgem Rat
hat sie ein Kind geboren
wohl zu der halben Nacht.

Niemand weiß mehr genau, welches Jahr die Chronisten der Welt in ihren Büchern verzeichneten, als ein junger Mönch mit Namen Laurentius in einem Kloster unweit von Trier lebte. Doch es mag um das Jahr 1600 gewesen sein. Jenes Kloster erhob sich in stattlicher Höhe über dem Moseltal inmitten einer gottgesegneten Landschaft.

Laurentius hatte nach dem Geheiß seines Vaters in jungen Jahren die Weihen genommen und sich willig, mit der Geduld des wahrhaft frommen Menschen in die Gemeinschaft der Brüder eingelebt. Er lebte unter seinesgleichen voll sanfter Zurückhaltung und einer ungezwungenen Leidenschaftslosigkeit. Sein gütiges Wesen, die Art, wie er im Gespräch die Worte zu setzen, und der Eifer, mit dem er zu arbeiten wußte, trugen ihm beizeiten die besondere Liebe und Zuneigung des Priors ein. Keines anderen Stimme war beim abendlichen Tedeum so erfüllt von Inbrunst und Fröhlichkeit wie die seine.

Nächtelang studierte er alte Schriften und übertrug Teile daraus mit schönen und klaren Lettern in ein selbstgebundenes Buch. Da er zudem von je eine starke Neigung zur Musik besessen hatte, übte er sich im Lesen und Niederschreiben von Noten, und wenn er, wie es nicht selten geschah, die Orgel spielte, flossen die Melodien so ineinander, daß er manchmal nicht zu unterscheiden wußte, welche davon er selber erdacht und welche er von alten Meistern übernommen hatte.

An einem Weihnachtsmorgen hatte Laurentius sich früh von seinem Lager erhoben; denn es waren viele Pilger zu erwarten, die alljährlich ins Kloster kamen, um dort die Christmette zu hören. Da der junge Mönch das Amt des Pförtners innehatte, war es sein Dienst, dafür zu sorgen, daß niemand vor dem Tor unnötig zu warten brauchte.

Aber noch war es dunkel draußen, und keine Menschenseele rührte sich. In der Nacht hatte es unaufhörlich geschneit. Laurentius trat die ersten Spuren in den frischen Schnee, als er den Klostergarten durchquerte, um zur Pforte zu gelangen. Ein blasser, dunstiger Mond erhellte den Himmel. Auf dem Rückweg kam Laurentius am Brunnen vorüber. Als er sich über dessen Rand beugen und auf den Grund hinabschauen wollte, wie er es gern tat, um dem rieselnden Laut des Wassers zu lauschen, fiel sein Blick unversehens auf einen Rosenstrauch zu Füßen der Brunnenmauer. Was er plötzlich sah, ließ ihn für eine Weile vor Freude und Erstaunen den Atem verhalten. Zwischen den kahlen froststarrenden Zweigen des Strauches wuchs ein grünes Reis auf, und an seinem Ende erblühte in makelloser Schönheit eine Rose.

Sein Staunen wich tiefer Ergriffenheit. "Seltsam", dachte Laurentius, "eine blühende Rose mitten im kalten Winter!" Er brach sie behutsam und sog ihren Duft ein. Als er gewahr wurde, daß die ersten Pilger sich näherten, verließ er den Platz, wo er des Wunders teilhaftig geworden war, und gesellte sich zu den Brüdern in die Kapelle. Dort legte er, von niemandem bemerkt, die Rose unter das Bild der Gottesmutter. Und abermals geschah ein Wunder. Wäre Laurentius von geringem Glauben gewesen, würde er es für einen Zufall gehalten haben, daß just in dem Augenblick, da er sich in das Gebet der Gemeinde eingefügt hatte, der Priester das Schriftwort Jesajas sprach: "Es wird ein Zweig aufsprossen vom Stamme Jesses."

Laurentius fühlte seine Seele von einem großen Glück durchflutet. Ja, er war ausgezeichnet worden vor allen anderen!

Die Christmette war vorüber, und die Pilger begannen sich zu zerstreuen. Es war inzwischen Tag geworden. Das Licht drang mit matten Farben durch die Fenster der Kapelle. In Gedanken verstrickt, schritt Laurentius vom Chorgestühl zum Lettner empor. Während er ging, sprach er Worte vor sich hin, die unablässig aus seinem Inneren aufstiegen. Die Worte fügten sich zu Zeilen, die Zeilen verbanden sich zu Versen: "Es ist ein Ros entsprungen aus einer Wurzel zart ..."

Er ließ sich auf der Orgelbank nieder. Den Orgelbuben, der sich gerade entfernen wollte, wies er an, noch einmal die Bälge zu treten. Und dann spielte und sang der Mönch das neugeborene Lied. Einige Gläubige, darunter eine Schar Kinder, kehrten in die Kapelle zurück und lauschten der wunderbaren, nie gehörten Weise. Da der Spieler sie einige Male wiederholte, ging sie jedem so ein, daß er sie bald mühelos mitsingen konnte. In dieser Stunde also trat das Lied in die Welt, das seither nicht mehr aus ihr fortzudenken ist:

"Es ist ein Ros entsprungen aus einer Wurzel zart ..."


aus: Davon ich singen und sagen will von Gerhard Prager
Ich habe es dieses Jahr gehört, als Ludwig Güttler es auf seiner Trompete gespielt hat, und es war wunderbar! (CP)


Ich möchte mich bei Thomas bedanken für die technische Unterstützung und das geduldige Aufnehmen des Nikolaus-Films, bei Kili für seine Reimlein und überhaupt bei allen, denen es Freude gemacht hat, jeden Tag ein Türchen zu öffnen! Mir hat es jedenfalls Freude gemacht, die Türchen zu füllen.

Frohe Weihnachten

Christina