LEO

LEOs Adventskalender: 11. Dezember 2016

(Fortsetzung vom 10.12.)

Die Panne

„Läuten”, sagte das Christkind. „Frau Strengbein das Geschenk überreichen, ihr ,Fröhliche Weihnachten' wünschen und fragen, ob sie uns irgendwie aushelfen kann.”
„Kannst du nicht ...?”, fragte der Weihnachtsmann und sah das Christkind bittend an.
„Nein”, sagte das Christkind, „du weißt, dass ich nicht einfach in den ganz normalen Lauf der Dinge eingreifen kann.”
Der Weihnachtsmann nickte ergeben, obwohl ihm der Lauf der Dinge sehr unnormal vorkam. Er nahm das Geschenk für die alte Dame entgegen und ging damit zur Tür.
Oma Strengbein fand es rührend, dass ihr der „Weihnachtsmann” (,wer mochte wohl unter Mantel, Mütze und Bart stecken?') dieses Jahr ihr Geschenk persönlich überreichte. Die Panne, die ihr der Bärtige schilderte, erfüllte sie gleichermaßen mit Bedauern wie mit Heiterkeit: Dem echten Weihnachtsmann wäre so etwas nie passiert.
„Das einzige, was ich ihnen anbieten kann, lieber Herr Mühlstein, äh, lieber Weihnachtsmann (Oma Strengbein war inzwischen überzeugt davon, dass sie des Verkleidungsrätsels Lösung entdeckt hatte - es war untrüglich der nette Dorfbäcker, der im Auftrag der Gemeinde den Weihnachtsmann spielte), sind die uralten Skier von meinem guten Alois selig. Sind noch mit Riemen und Strammer, ich weiß nicht, ob Ihnen die weiterhelfen. Sie müssen mir lediglich versprechen, sie nicht wieder zurückzubringen.” Oma Strengbein war mit ihrem Besucher an der Kellertreppe angelangt, hatte das Licht für unten angezündet. „Am besten, Sie schauen sich selbst um, Sie kennen sich ja aus.”
Bäcker Mühlstein war so nett und lieferte Oma Strengbein einmal in der Woche die paar Dinge, die sie aus dem Dorf benötigte. Alles, was verderblich war, brachte er in den Keller, um der alten Dame etwas von der beschwerlichen Treppensteigerei zu ersparen. „Ich hoffe, die Skier taugen noch, aber Sie haben's ja nicht weit nach Hause.”
„Ja - nein”, stotterte der Weihnachtsmann und stieg in die kalte „Gruft”, um sich auf die Suche nach den Skiern zu machen. Endlich hatte er die alten Teile entdeckt, die im Lauf der Zeit immer unwegsamer hinter anderem antiquarischem Gerümpel verschwunden waren. Der Weihnachtsmann trug die malerischen Pioniere der Skifahrära zu seinem Schlitten.
„Genieren muss man sich mit dem Chef - an Weihnachten so herumzulaufen.”
Das leuchtende Rot des Mantels war einem gedecktem Rot-Grau-Ton gewichen, den Bart zierte eine Spinnwebe. Der Weihnachtsmann ignorierte die Bemerkung der Queen, versuchte mit klammen Händen die Skier unter den beiden Kufen zu montieren. So würde das Fahrverhalten wenigstens einigermaßen berechenbar sein. Wie gut, dass die Bretter so alt waren und noch Riemenwerk aufwiesen. Der Weihnachtsmann spürte seine Finger kaum mehr, als die Konstruktion endlich einen halbwegs vertrauenerweckenden Eindruck machte.
Er schwang sich auf den Kutschbock, nahm die Zügel in die Hand und forderte die Adelshäupter mit einem verfrorenen „Hü!” zur Fortsetzung der Fahrt auf.
„Das Kindl”, sagte die Queen.
„Und verabschieden von Frau Strengbein”, fügte der King hinzu.
„Das Kindl?”, fragte der Weihnachtsmann und wandte seinen Blick dahin, wo eigentlich das Christkind hätte sitzen müssen.
„Frau Strengbein war so besorgt um die Kleine, die sich bei dieser Kälte und Finsternis sicher eine schreckliche Erkältung zuziehen würde, dass das Kindl schließlich der Sorge nachgab und mit ihr ins Haus ging, während du im Keller gekramt hast.”
Der Weihnachtsmann stieg wieder vom Kutschbock und stapfte zurück zum Haus. Durch die angelehnte Haustür zog dieser alles übertreffende Geruch von frisch zubereitetem Glühwein. ,Herrlich.' Der Weihnachtsmann sog den Duft tief in sich ein. ,Doch ich werde ablehnen, wir haben schon zuviel Zeit verloren.' Stark kam sich der Weihnachtsmann vor. Und aufopferungsvoll - er würde sich nicht überreden lassen. Außer Frau Strengbein reagierte zu enttäuscht auf seine Ablehnung. Einen ganz kleinen, schnellen Schluck vielleicht. Nur zum Durchwärmen nach der kalten Reparatur.
„Jetzt hat sie wieder rote Bäckchen”, strahlte Oma Strengbein den Weihnachtsmann an, als dieser die Wohnzimmertür öffnete. „Vorher sah sie so blass aus. Doch jetzt will ich Sie beide nicht weiter aufhalten, Sie müssen ja wieder zurück.”
Der Weihnachtsmann wehrte ab, dass es so eilig auch wieder nicht sei, doch Frau Strengbein beteuerte, dass die Besucher ihr genügend Zeit geopfert hätten, und dass dies ihr schönstes Weihnachten seit langem sei. Mit einem tiefen Selbstmitleids-Seufzer bedankte und verabschiedete sich der Weihnachtsmann.
„Na, Kleine, geht's gut?”, fragte er mit einem Blick auf das gelöst lächelnde Kindl. Das Christkind nickte.

Die Konstruktion hielt tatsächlich den Rest der Schlittenfahrt durch. Vielleicht deshalb, weil das Christkind doch ein ganz klein wenig in den Lauf der alltäglichen Geschehnisse eingriff - schließlich ging es um die pünktliche Erledigung der Weihnachtswünsche.
Zuhause angekommen, lief alles ab wie jedes Jahr und doch wieder so spannend und neu, als sei es das erste gemeinsame Weihnachten: das Bestaunen der Kerzen, des Baums, die Vorfreude auf das Auspacken. Das Christkind hatte sich vergnügt auf seine Wolke zurückgezogen, wippte mit den Beinen und summte selbstvergessen vor sich hin.
„Geht's dir gut?”, fragte der Weihnachtsmann nochmals.
„Ja”, sagte das Christkind, aber dieses „Ja” kam etwas undeutlich.
„Hauch mich mal an”, forderte der Weihnachtsmann argwöhnisch und trat näher an das Christkind heran. „Dacht' ich mir's doch! Du hast mit Frau Strengbein Glühwein getrunken, während ich ... ”, er öffnete und schloss empört den Mund, wie der berüchtigte Goldfisch auf dem Trockenen.
„Ja”, sagte das Christkind. „Sie war so glücklich, dass sie etwas Gesellschaft hatte am Weihnachtsabend. Und darüber hat sie wohl vergessen, für die Kleine den Kinderpunsch anzusetzen, den sie eigentlich bereiten wollte.”
„Gesellschaft, so, so”, sagte der Weihnachtsmann und blies in Erinnerung an die kalte Skimontage in seine seit langem wieder warmen Hände.
„War schließlich nicht mein Fahrfehler.” Das Christkind fühlte eine wohlige Müdigkeit in sich aufsteigen. „Und eine gute Tat war's zudem.”
„Dass ich diese gute Tat hätte mindestens ebenso gut vollbringen können, interessiert mal wieder keinen”, brummelte der Weihnachtsmann. Dann legte er vorsichtig eine Decke über das Kindl, das sich auf seiner Wolke zusammengerollt hatte und bereits eingeschlafen war.

Text: ©Kili Riethmayer
Bild: ©Doris Lettmann

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