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Phädrus
(um 50 n. Chr.)
Der Wolf und das Lamm
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| Zum selben Bache waren Wolf und Lamm gekommen, | |
| Von Durst getrieben. Weiter oben stand der Wolf, | |
| Das Lämmchen mehr nach unten. Lechzend nach der Beute | |
| Begann sogleich der freche Räuber einen Streit. | |
| »Warum«, so red'te er es an, »hast du das Wasser | |
| Getrübet, das ich trinke?« Zitternd sprach das Wolltier: | |
| »Bitt' um Vergebung, Wolf, wie wäre dieses möglich? | |
| Von dir kommt ja der Strom zu meinem Trunk herunter.« | |
| Beschämet und erzürnt ob dieser Worte Wahrheit, | |
| Rief er: »Du schmähtest mich vor einem halben Jahre.« | |
| Es sprach das Lamm: »Da war ich ja noch nicht geboren.« | |
| »Beim Herkules!« fuhr jener auf, »so tat's dein Vater« – | |
| Ergreift das Lamm – zerreißt's in ungerechtem Morde.
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| Geschrieben wurden diese Wort' für jene Menschen, | |
| Die wegen falscher Gründe gute Menschen plagen.
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