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Warum wollen Sie kein Clown sein? Bild von Helge

FAZ-Magazin, Heft 831 vom 2.2.1996 (5. Woche)


Auf Ihrem neuen Album "Es rappelt im Karton" bekennen Sie in einem Lied: "Das ganze Geld mit Quatsch verdient!" Meinen Sie das im Ernst oder ist das Ironie?
Ich meine das ehrlich, denn in meinem Programm ist Quatsch dabei. Quatsch bedeutet in diesem Fall Humor. Natürlich ist der zitierte Satz ganz oberflächlich, aber genau so soll er auch gemeint sein. Humor ist immer etwas Außergewöhnliches. Nur so kann man zum Lachen bringen. Genau so ist es, wenn man ein Instrument spielt. Man kann nur dann das Publikum in seinen Bann ziehen, wenn man es auf außergewöhnliche Weise bedient.

Als ich Sie das erste Mal live erlebte, überraschte mich die besondere Kindlichkeit Ihres Humors. Versuchen Sie damit alle Erwartungen zu unterlaufen?
Mir geht es um einen einfachen, strategischen Humor, nicht um einen Hintergrundhumor, wie er beispielsweise im Kabarett aus der ehemaligen DDR gepflegt wird. Ich versuche es vielmehr mit einem Vordergrund/Humor, der trotzdem Substanz hat und nicht in blanken Nonsens ausartet. Die meisten Kritiker meinen, ich mache Nonsens. Aber das ist genau das falsche Wort dafür. Wenn ich behaupte, Quatsch zu machen, dann meine ich Spaß. Und Spaß bedeutet eben auch Ernst. Darüber freue ich mich oft. Ich denke schon, daß sich auch bei mir eine Art kü;stlerischer Entwicklung in den letzten Jahren feststellen läßt. Denn ich lasse mich von buchstäblich allem beeinflussen. Nur nicht vom Schreibtisch. Das Hauptstandbein meines Humors ist nicht der Schreibtisch sondern das bin ich selbst. Und nur deshalb habe ich mit meiner Arbeit auch bedingt Erfolg. Natürlich lassen sich die Leute immer wieder - von allem von den Medien - auf falsche Fährten locken und kommen dann mit bestimmten Erwartungen. Wer überhaupt mit irgendwelchen Vorstellungen in unsere Konzerte kommt, ist nicht so gut bedient wie diejenigen, die gar keine Vorstellungen haben, außer der Bereitschaft, sich überraschen zu lassen. Schlimm wird es immer, wenn sich jemand nur einen schönen Abend machen, sich besaufen und unbedingt lachen will, nach dem Motto: "Der ist jetzt unser Clown!" Das kann dann nach hinten losgehen.

Haben Sie das Gefühl, daß beispielsweise die Hitparadentauglichkeit Ihres Lieds "Katzeklo" bei ihrem Publikum falsche Ansprüche wecken kann?
Es hängt, glaube ich, weniger mit "Katzeklo" zusammen, als vielmehr damit, daß meine letzten Alben von der Schalplattenfirma ziemlich gepowert wurden. Und die Zuhörer warten dann darauf, daß ich auch die Geschichte erzähle, in der ich mit Reinhold Messner in der Antarktis bin. Das sind Sachen, die wollen die Leute gerne hören. Die kriegen sie aber nicht mehr zu hören, weil ich sie nicht mehr erzählen kann; ich habe sie vergessen. Ein paar Leute sind dann immer sauer, aber die Mehrheit denkt wohl: "Oh,d as geht ja noch weiter mit dem Helge". Es gibt immer genügend Leute, die einen im Konzert einfach stören, wenn man gerade etwas Sensibles, etwas Ruhiges machen will. Die sind dann so bollerig, führen sich auf wie beim Karneval. Das hat für mich etwas typisch Deutsches an sich: stören, fordern, Masse, haben wollen, unflexibel, ungerecht, nicht nachdenken, besoffen. Deshalb sage ich manchmal: bei den doofen Deutschen trete ich nicht mehr so gerne auf. Das stimmt aber gar nicht, ich bin ja selber ein doofer Deutscher. Das Problem ist, anderswo sind sie ja genau so doof. Es gibt so viele doofe Menschen, das kann man sich gar nicht vorstellen.

Sie verlangen also ein möglichst unvoreingenommenes Publikum. Zugleich wollen Sie aber mit ihren Liedern in die Hitparade und fördern damit falsche Erwartungshaltungen?
Natürlich will ich in die Hitparade, damit wenigstens ein gutes Lied in der Hitparade ist. Und "Katzeklo" ist kein schlechtes Lied und auch musikalisch nicht ganz einfach. Es hat einen Füfvierteltakt und dann einen Siebenachteltakt, oder so. Weil ich ja einfach lossinge und sich die Musik darauf aufbauen muß, und nicht umgekehrt. Ich findes es auch gut, wenn Kinder "Katzeklo" singen und nicht irgendwelchen Scheiß wie zum Beispiel die Techno-Version von "Eine Insel mit zwei Bergen."

Haben Sie selbst auch Kinder, denen Sie Ihre verrückhten Geschichten erzählen?
Ja, ich habe Kinder, aber denen erzähle ich keine Geschichten mehr. Da läuft alles so: Wenn man zusammenlebt, dann lebt man, dann erzählt man nicht so viel. Es sei denn, die Kinder erzählen selber Geschichten. Aber sie sind natürlich schon älter, füfnzehn und sechzehn Jahre, und da wollen die von mir keine Geschichten mehr hören.

Sind Sie in Ihrem privaten Leben dieselbe Person wie auf der Bühne?
Ja, in dem Sinne, daß ich auf der Bühne keine Show abziehe. Ich ziehe meine gesamten Schlüsse aus meiner privaten Person. Wenn ich etwas zu vertreten habe, dann nur mich selbst. Das wäre sicherlich anders, wenn ich etwas interpretieren oder parodieren würde. Ich muß jedoch immer privat sein, bin ich auch, nur ist das so überzogen, als wäre es zum Beispiel mit einem dicken Pinsel gemalt in knalligen Farben. Das ist ja wirklich meine Meinung, die ich da sage. Nur würde ich privat nicht in dieser Weise sprechen und meine Meinung so auf den Punkt bringen.

Sind Sie ein humorvoller Mensch?
Ja, deshalb bin ich auch manchmal ernst. Es gibt viele Leute in meiner Branche, die können gar nicht ernst sein, auch privat nicht. Die spielen immer nur diese eine Rolle. Dafür habe ich überhaupt keinen Sinn, das ist nicht gut. Also kann auch die Arbeit auf der Bühne nicht so gut sein. Man muß eine bestimmte Substanz haben, und Substanz heißt für mich: Der einzelne Mensch selbst, ohne alle Aufgesetzheit. Und ohne Aufgesetztheit kann man auf der Bühne ebenso extreme Sachen machen, die zwar aufgesetzt wirken, aber zugleich normal sind und der jeweiligen Persönlichkeit entsprechen. Ich sage manchmal extreme Sachen auf der Bühne, aber die meine ich dann ehrlich.

Haben Sie eine bestimmte Taktik, sich mental locker zu halten?
Ich schaffe das nur, weil ich mich überhaupt nicht vorbereite. Ich weiß nur, wieviele Schritte es zur Bühne sind. was dann dort passiert, weiß ich nicht, will ich auch vorher gar nicht wissen. Ich ziehe mich fünf Minuten vor Beginn um und weiß nur genau, ich muß jetzt zweieinhalb Stunden hart arbeiten. Alles, was ich vorher mache, hat natürlich mit dieser Arbeit zu tun. Aber ich bereite mich nicht vor, denn das würde mir meine ganze Fahrt wegnehmen. Die besten Auftritte habe ich immer, wenn ich aus einer ganz anderen Situation hereingeschneit komme und dann mit dem Publikum konfrontiert werde.

Mich haben immer am meisten Ihre Geschichten überrascht, die Sie scheinbar absichtslos zusammenphantasiert haben?
Die waren eigentlich improvisiert, und ich habe dann jeden Tag etwas hinzugefügt oder weggelassen, aber es bleiben Geschichten frei aus'm Kopp. Ich habe dabei keinen roten Faden, ich komme beim Erzählen vom Hölzken aufs Stöcksken und weiß nie, wo das endet. Deshalb kann ich auch Geschichten wie "Orang Utan Klaus" oder "Der viereckige Hai" heute nicht mehr hören. Ich habe sie zu oft erzählt und langweile mich jetzt dabei. Weil wir jetzt als Big Band arbeiten, werden die musikalischen Geschichten wichtiger. Ich beschränke mich meist nur auf Uberleitungen oder sage auch schon mal gar nichts, bin vielleicht eher Komiker als Humorsprecher. Die Leute wissen jetzt auch schon, was ich für ein Typ bin, weil ich schon so viele verschiedene Sachen gemacht hahbe, und denken dann: "Aha, das wird sicher anders als das, was wir bisher kennen." Also teilweise ist die Umerziehung geglückt. Obwohl ich nie mit dem Vorsatz auf die Bühne gegangen bin, das Publikum umzuerziehen. Trotzdem bin ich froh, daß es passiert. Solange sich die Leute an Fabeln wie Michael Jackson oder Take That berauschen ist "Katzeklo" immer noch ein Fortschritt.

Wie stark inspiriert Sie das jeweilige Publikum vor Ort?
Ich komme rein und rieche gleich, von da oder da weht der Wind, oder ich sehe, da sitzen zwanzig Nikoläuse in der ersten Reihe. Aha, gut. Ich muß immer meine Antennen aufgerichtet haben. Wen ich meine Show abspulen würde, dann könnte ich mit den Zwischenrufern locker umgehen. Aber da ich kreativ bin, wird jeder schlechte Zwischenruf für mich zu einer Marter. Meistens törnt er mich ab, und ich muß dann auch noch auf den Zwischenrufer eingehen. Oft leider ohne Erfolg. Ich sage zum Beispiel zehnmal, er soll aufhören zu rauchen. Und nach dem Konzert kommt er dann zu mir und sagt, er dachte, ich hätte nur Spaß gemacht. Es gibt Leute im Publikum, die sind vollkommen behämmert. Aber für diese Leute trete ich eben auch auf.

Woher kommt Ihre Liebe zum Jazz?
Einerseits reizt mich das Spielerische der Improvisation, auf der anderen Seite bin ich vom Blues, von der besonderen Akkordik, den Blue notes fasziniert. Ich mag keineswegs alles Spielformen des Jazz, ich schere mich auch nicht um irgendwelche Stilabgrenzungen. Besondes gut gefällt mir der Sound von Woody Herman, und ich liebe die Musik von Theolonious Monk. Das ist mein Ding! Ich bin ja im Grunde meines Herzens ein Klavierspieler geblieben. Deshalb höre ich auch gern Aufnahmen von Horowitz oder Brendel.

Hat der Jazz heute seine goldene Zeit hinter sich?
Die große Zeit der kaputten Typen in den kleinen Bars, die sich was einfallen lassen mußten, um zu überleben, diese große Zeit ist vorbei. Genauso gibt es in der Malerei kaum noch Talente, die einsam in ihrer Bude hocken und ihr Ding durchziehen. Heute wird alles marketingmässig geregelt. Der "Major" kommt und entscheidt, wer ausstellen oder eine Platte aufnehmen darf. Obwohl heute unheimlich viele Leute malen und Musik machen, herrscht doch ein komischer Wettbewerb, der mit den persönlichen Motiven der Künstler kaum noch etwas zu tun hat. In der Musik gabe es noch nie bessere Ausbildungsmöglichkeiten. Die Leute spielen schnell und sicher, aber sie können zumeist keine Geschichte erzählen. Dabei kommt Langeweile heraus, saubere Langeweile, die nervt. Alle sauberen Musiker werden gefeatured, und die wirklich schmutzigen haben selten eine Chance.

In der Oeffentlichkeit haben sie ein apolitisches Image. Fühlen Sie sich in dieser Hinsicht missverstanden?
Ich bin kein Tupamaro. Meine Ideologie ist ausschließlich privat und hat mit meinem Leben, meiner Arbeit und meiner Moral zu tun. Das ist für mich Politik. Auch auf der Bühne mache ich ja eine Art Politik der Freiheit. Man kann nicht so tun als ob. Mann muß einfach so sein, und nur dann hat man auch etwas zu sagen und besitzt Ueberzeugungskraft. Ich verschreibe mich nie irgendeiner Sache, ich bin die Sache selbst. Das heißt, mir geht es um Unverwechselbarkeit. Ich könnte nie Angehöriger einer Sekte sein, ich kann immer nur ich selbst sein. Das heißt auch, man muß Rückgrat haben, um seine Unberechenbarkeitn beizubehalten. Auf Souveränität allein kommt es an. Und vielleicht ist das das einzige, was ich den Leuten beibringe: sich verkaufen und sich dennoch dabei treu bleiben.

Sind Sie ein Schauspieler aus Passion?
Ich habe zwar kein erotisches Verhältnis zur Sprache, aber ich bin ein Sprachspieler, vielleicht ein Sprachvereinfacher. Um nicht ganze Sätze sprechen zu müssen, sage ich häufig nur ein Wort oder verfälsche das Wort so, daß es nach fünf Wörtern klingt. Das hat natürlich was mit dem Rhythmus zu tun. Auch in der Musik spiele ich nicht gern zu viele Töne, lieber wenige, aber die dafür markanter. So geht es mir auch mit der Sprache. Deshalb könnte ich wohl auch in die Politik gehen. Ich würde sogar in die SPD eintreten, aus Spaß, aber nur für eine Woche, dann würde ich umkippen. Aber ich mache ja auch Politik, eine Art Wahrnehmungspolitik in anderem Rahmen.

Versuchen Sie auf der Bühne ein Gegenprogramm zum Kabarett anzubieten?
Unbewußt sicherlich, denn ich mag keine glatten Töne und Sketche. Manchen Sachen sollen dreckig sein. Elegische Schwärmereien kann ich nicht leiden, obwohl es bei mir auch romantische Passagen gibt, aber nur im Sinne meiner Ueber-Romantik. Die ist harsch, karg, dreckig, schmierig oder aufgeplustert im Sinne großer Gefühle, die dann auf den kleine Punkt gebracht werden müssen.

Zugeschickt von Markus Pabst, pgp202@MailHub.rrze.uni-erlangen.de
Anke Weinberger, 1996-03-13