Der Helge Schneider, den TV Movie im Dortmunder Ruhr Sound Studio trifft, hat wenig gemeinsam mit der schrillen Figur, die er auf der Bühne verkörpert. Hier ist er ruhig, angenehm, uneitel. Ein unauffälliger Typ, der ernstgenommen werden möchte. Wer Schneider nur als skurrilen Entertainer mit Plateau-Schuhen, Konfirmationsanzug und Grusel-Krawatte kennt, würde auf der Straße an ihm vorbeilaufen. Daran ändern auch das ruinierte Gebiß mit der Zahnlücke und das dünne Bärtchen nichts. Der entscheidende Unterschied zwischen Bühnen-Schneider und Real-Schneider sind die Haare. Die rote Zauselmähne, die ihm angeblich keine andere Wahl ließ als Komiker zu werden - eine Perücke. Das Echthaar ist dunkelblond, gepflegt. Sein Gesicht ist zwar nicht das von Tom Cruise - wie er seine bescheuerten Grimassen hinbekommt, bleibt trotzdem rätselhaft.
"Sorry, ich bin in Eile", sagt Schneider. Wir sitzen in der Studioküche, doch ihn zieht's zurück an den Schneidetisch. "00 Schneider" muß fertig werden. Eine Agenten-Klamotte, in der er beide Hauptrollen spielt. Drei Mio. Mark Produktionskosten, da hört für Helge Schneider der Spaß auf. Die Meßlatte vor dem "00 Schneider"-Start liegt hoch: 1,1 Mio. Fans haben "Texas ..." im letzten Jahr zum erfolgreichsten deutschen Film gemacht. Und an Erfolge hat sich Schneider gewöhnt: Seine Autobiographie "Guten Tach, auf Wiedersehen" ging 50.000mal über den Tresen, für die Single "Katzeklo" gab es Platin (500.000 Exemplare), Gold für die CD "Es gibt Reis, Baby" (250.000mal verkauft). 160.000 Besucher sahen die 120 Shows der Tournee 1993/94 - Schneider wird dieses Jahr Umsatz-Millionär.
Das ändert sich 1984. Jetzt tritt Helge Schneider als Alleinunterhalter auf, entwickelt seine brachiale Mischung aus Musik und Klamauk, die aus dem Mülheimer Lokalmatador Deutschlands Gaga-Champion macht. Heute füllt Schneider problemlos 3000er Hallen - und eigentlich weiß keiner so genau, warum.
Die Fans brüllen schon, wenn das verhärmte 1,68-m-Männchen im zeitlos- geschmacklosen 70er-Jahre-Outfit die Bühne entert. Und sie überschlagen sich, wenn er mit grausigem Ruhrpottslang lispelnd deutsche Schlager parodiert. Vorzugsweise fleddern Schneider und seine Mitstreiter - Buddy Casino an der Orgel und Peter Thoms am Schlagzeug - Trivialschnulzen, oder sie vergewaltigen Grönemeyers Gassenhauer zu "Bochum, ich komm' in Dir". Dazwischen versucht Schneider verzweifelt, naive Geschichten trotz abstruser Versprecher und hanebüchener Stilblüten zur Pointe zu bringen.
Perfektionierter Dilettantismus, völlige Selbstpreisgabe, Mut zur Improvisation sind das Geheimnis der Bühnenfigur Schneider, Schwachsinn mit Kalkül sozusagen. Die Zuschauer lieben ihn dafür. Für die gerülpste Begrüßung "Hoppla, ein Bäuerchen" oder ein herzhaftes "Ich hab' keinen Bock mehr" am Konzertende. Helge Schneider macht das, was jeder zu können glaubt - aber sich nie trauen würde. [Und IMHO auch nicht könnte! ML]
Doch mit der blühenden Proll-Kultur will Schneider nichts zu tun haben. "Prolet ist ja ein guter Begriff, bezeichnet das arbeitende Volk. Heute ist das ein Schimpfwort für jemanden, der zehn Bier ext und 'ner Oma hinten in den Kragen kotzt."
Helge Schneider hat andere Pläne. "Ich muß nicht noch ein Buch, Lied oder einen Film machen. Ich könnte auch mal als Pianist auf Tour gehen." Könnte er wirklich, doch bis jetzt spielt er seine Swing- und Bebop- Kompositionen nur zu Hause - für Freundin Andrea und die Töchter Finchen (12) und Hanne (14).
Und was würden die Fans der "Herrentorte" zum Jazzer Schneider sagen ? "Das ist halt das Problem. Wenn ich nur Musik spiele, hauen die Leute ab. Darauf hätte ich auch keine Lust. Ich bin da sehr zwiegespalten."