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"...und fertig ist der Cyberfilm"
von Tilman Baumgärtel (taz 29.9.95)
"The Net", "Hackers", "Exit Out": Das Kino entdeckt das Internet.
Doch warum heute noch neue Plots erfinden? Einige Vorschläge zur
zeitgemäßen Recyberung von Klassikern.
Willkommen auf dem Info-Hypeway! "The Net" ist nur der erste in einer Reihe
von Hollywood-Filmen, die sich mit Internet, Virtual Reality, Cyberspace
beschäftigen. Nach "Batman Forever" und "Enthüllungen" stehen uns in den
nächsten Monaten unter anderem bevor: "Hackers", "Virtuositity", "Exit Out"
und "Johnny Memnonic", die Verfilmung einer William-Gibson-Kurzgeschichte.
Diese Filme funktionieren nach folgendem Prinzip: Nimm einen sattsam
bekannten Plot, klatsche einige "Cyber-Elemente" dran, beschäftige einige
Software-Heinis, die fetzige Computer-Special-effects programmieren können,
und fertig ist der Internet-Film. Darum braucht man sich gar nicht mehr
umständlich irgendwelche neuen Geschichten auszudenken. Warum nicht einfach
ein paar alte Filmplots nehmen und "vercybern"? Hier einige Vorschläge:
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Das Fenster zum Hof
Jeff (Keanu Reeves) ist diesmal nicht ein Fotograf, der sich beim Sport ein
Bein gebrochen hat, sondern ein Paintbox-Experte, dem beim Bungee-Springen
die Bänder gerissen sind. Dank seines Modems kann er trotzdem in seiner
Wohnung tele-arbeiten. Da er ganz darin versunken ist, dreidimensionale
Kickboxerspiele zu rendern, würde er einen Mord nicht mal bemerken, wenn er
bei ihm im Wohnzimmer stattfände. Dafür entdeckt er, daß einer seiner
Tele-Kollegen auf seiner Festplatte eine Raubkopie vom letzten
Windows-95-Upgrade hat. Jeff versucht seinen Kollegen per E-Mail von
weiterer Software-Piraterie abzuhalten. Ein Flamewar bricht los, bei dem
auch das Powerbook von Jeffs Freundin Lisa (Sandra Bullock) in Gefahr
gerät ...
Problem bei der Cyberversion:
Windows 95 ist nicht Powerbook-kompatibel.
Citizen Kane
Obwohl sich Bill Gates (Dennis Hopper) vom Farmersohn zum reichsten,
tollsten und beliebtesten Software-Tycoon des 20. und 21. Jahrhunderts
hocharbeitet, kann er bis zu seinem Lebensende seinen kleinen Taschenrechner
Rosebud von Texas Instruments nicht vergessen. Auch der größte Triumph
seiner Karriere (bei Windows 95 können Dateinamen mehr als acht Zeichen
haben) bleibt letztlich schal: Nach der Veröffentlichung verläßt ihn seine
junge Frau (Sandra Bullock), um Busfahrerin zu werden.
Problem bei der Cyberfassung:
Das Budget für Special-effects und
Make-up könnte bei dem Versuch, Bill Gates Haarschnitt zu simulieren, ins
Astronomische steigen.
Mad Max the Road Warrior
In einer apokalyptischen Zukunft haben sich die führenden Computerkonzerne
gegenseitig zerstört. Nach einem Virus-Krieg zwischen Microsoft und
MacIntosh schließen sich die Überlebenden User zu im Internet
vagabundierenden Hacker-Stämmen zusammen. Ihr Ziel: intakte Glasfaserkabel,
die sie zum Überleben brauchen. Mad Max (der mit Quicktime V.R.1.0 zum
Leben erweckte Brandon "Die Krähe" Lee) schwört Rache, nachdem seine Frau
(Sandra Bullock) bei einem Überfall auf seine ISDN-Telefonbuchse von den
Hackern mit einem externen Faxmodem erschlagen wurde: Er will dem Boss der
Gang (Dennis Hopper) die Festplatte neu formatieren.
Problem bei der Cyberfassung:
Brandon-Lee-Programm braucht noch zuviel
Arbeitsspeicher.
Ein Mann sieht rot
Im Original ist Paul Kersey ein renommierter New Yorker Architekt, der Amok
läuft, nachdem Einbrecher seine Frau umgebracht haben. Auf der Suche nach
dem Mörder gibt es darum Schlägereien, Verfolgungsjagden, Schießorgien
und Nonstop-Designergewalt. Im Remake ist Kersey (Sandra Bullock) eine
introvertierte Programmiererin, die durch genaue Beobachtung und intensive
Internet-Recherche die Mörder entlarvt. Auf einer speziell für sie
programmierten WorldWideWeb-Seite schnappt die Falle zu...
Problem bei der Cyberversion:
Der Film ist jetzt etwas langweilig.
Die Hard III
Eine deutsch-iranisch-israelische Terroristengruppe will eine New Yorker
U-Bahn entführen, um damit die amerikanische Bundesbank zu überfallen.
Da sie sich aber in einem Keller in Ost-Jerusalem verstecken, müssen sie
dafür das Internet benutzen. Bruce Willis steht vor einer schweren
Entscheidung: Entweder er lernt Unix, oder Sylvester Stallone bekommt die
Rolle.
Problem bei der Cyberversion:
Internet-Filme ohne Sandra Bullock sind
stark flop-verdächtig.
Dr. Seltsam oder Wie ich lernte, die Bombe zu lieben
Ein verrückter Programmierer (Keanu Reeves) entwickelt eine Version von
Netscape, die unter Wasser funktioniert. Um ihn zu übertrumpfen, entwickelt
ein noch verrückterer Programmierer (Dennis Hopper) eine Version von
Netscape, die im luftleeren Raum funktioniert. Bald sind alle Programmierer
der Welt damit beschäftigt, sinnlose Versionen von Netscape zu schreiben.
Niemand will mehr an neuen Versionen von Microsoft-Programmen arbeiten, und
das Ende der Zivilisation (Sandra Bullock) bricht an:
Motorsägen-Nazi-Schamanen-Gangs terrorisieren die Welt, in mehreren
europäischen Großstädten wütet die Cholera, und "Illona Christen" wird
vorübergehend abgesetzt.
Problem bei der Cyberversion:
hat nichts mit dem Original zu tun.
Szenen einer Ehe
In sechs Kapiteln wird der Erosionsprozeß einer Ehe zwischen zwei Cyborgs
beschrieben. Bergman, der schon beim Original Regie geführt hat, gelingt
es meisterhaft, jene Verdrängungsmechanismen aufzuzeigen, die das
alltägliche Leben in den meisten Ehen dieser Gesellschaftsschicht
bestimmen. Besonders die Gestaltung der weiblichen Hauptfigur Marianne
(Photoshop 4.0) muß als große Schauspielkunst gewürdigt werden.
Problem bei der Cyberfassung:
Wim Wenders "präsentiert" das Remake.
M - Eine Stadt sucht einen Mörder
Ein Triebtäter (Klaus Löwitsch) schickt schmutzige E-Mail und
pornografische Fotodateien an minderjährige Hacker. Da er dafür einen
anonymen Internet-Remailer in Norwegen benutzt, kann man ihm nichts
nachweisen, und der Plot muß geändert werden: Im Mittelpunkt steht jetzt
der brummige Kommissar Lohmann (Götz George). Komödiantische Verwicklungen
entspinnen sich, als sein Revier, eine typische Polizeistation im Berlin der
zwanziger Jahre, eine neue EDV-Anlage bekommt...
Probleme mit der Cyberversion: keine.
Quelle: de.talk.chat, from: urs@akk.uni-karlsruhe.de (Urs Janssen)
Anke Weinberger, 1995-10-10, 1996-01-22